Gutmann Investment Mail August 2009

China - wie lange bleibt der Drache noch hungrig?

Seit einigen Monaten ist Chinas Rohstoffhunger wieder Thema Nummer eins auf den Märkten für Agrarprodukte, Öl und Industriemetalle. Vor allem für letztere wurden im Juni wieder rekordhohe Importe verzeichnet. Die Nickelimporte haben gemäß den Daten des chinesischen Statistikamts in den ersten sechs Monaten um 83 Prozent zugelegt, wobei die Importe im Juni 60 Prozent über jenen vom Mai lagen. Die Importe von raffiniertem Kupfer stiegen im Vergleich zum Vormonat zwar nur um 12 Prozent, liegen damit aber auf doppelt so hohem Niveau wie 2007 und 2008. In diesen Jahren betrug das chinesische Wirtschaftswachstum 13 bzw. 9 Prozent. Der IWF hat die Erwartungen für das Jahr 2009 im Juli nach oben revidiert, mit einem Anstieg von 7,5 Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt in China aber voraussichtlich unter der Dynamik der Vorjahre liegen.

Auslöser für den Anstieg der Importe war ohnehin nicht nur die reale Nachfrage, sondern der Aufbau der Lagerbestände von chinesischen Spekulanten, die künftig mit höheren Preisen rechnen. Die Bestände der chinesischen Metallbörse SHFE in Schanghai nahmen mehrfach zu. Nun sind die Preise aber zuletzt massiv angestiegen, was weitere Zukäufe weniger sinnvoll macht. Für ein Anhalten der Rohstoffnachfrage auf so hohem Niveau müsste die Rohstoffintensität der chinesischen Wirtschaft rasch und stark ansteigen, was unwahrscheinlich erscheint. Mehrheitlich sind sich die Branchenexperten darüber einig, dass die Höchststände von Mai und Juni in der zweiten Jahreshälfte nicht mehr erreicht werden.

Grafik: Chinesische Kupferimporte und globale Preise (Quelle: Capital Economics, Thomson Datastream)

Überraschenderweise ist die Abhängigkeit der Börsennotierung einzelner Rohstoffe von der chinesischen Nachfrage nicht immer so stark wie viele annehmen. Beispielsweise bestand kein offensichtlicher Zusammenhang zwischen dem kräftigen Anstieg und anschließendem Verfall des Kupferpreises zwischen 2005 und 2008 und den Schwankungen der chinesischen Kupferimporte. Weltweit hat China die geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft am aggressivsten umgesetzt. Um neue Arbeitsplätze zu schaffen und soziale Unruhen zu vermeiden, will die Regierung für dieses Jahr unbedingt ein Wachstum von mindestens acht Prozent erreichen. Neben umfangreichen Infrastrukturprojekten und der Abschaffung von Kreditbeschränkungen soll durch steuerliche Anreize und Verbesserungen im Sozialsystem die Binnennachfrage angekurbelt werden. Dem rasanten Kreditwachstum - im Juni war die Kreditvergabe um über 34 Prozent hochgeschnellt - und den verbesserten Frühindikatoren nach zu urteilen, hat China den Umschwung bereits geschafft.

Die Rolle Chinas für die Entwicklung der Rohstoffkurse sollte nicht unterschätzt werden. Irreführend ist nur die Annahme, dass der Hunger des Drachen die Rohstoffkurse nur in eine Richtung treibt, nämlich nach oben. Rohstoffmärkte reagieren sehr sensibel auf die Veröffentlichung von Fundamentaldaten. Jüngst haben Spekulationen, dass die chinesische Zentralbank Maßnahmen ergreift, um die Liquidität zurückzuführen, die Marktteilnehmer stark beunruhigt. Bis die Regierung von der Nachhaltigkeit der Konjunkturerholung überzeugt ist, ist eine rasche Kehrtwendung der Wirtschaftspolitik aber unwahrscheinlich.

Da die Rohstoffimporte der non-OECD-Staaten den Markt im zweiten Halbjahr wahrscheinlich nicht mehr positiv beeindrucken können, wird die Nachfrageerholung in den OECD-Ländern zum Schlüsselfaktor. Erste Lebenszeichen vom Konsum und geplante Produktionserhöhungen weisen jedenfalls in die richtige Richtung.

Mag. Silvia Pecha, CPM, Gutmann Kapitalanlageaktiengesellschaft

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