Gutmann Portfolio Management Report 2. Quartal 2009

Kurz gefasst


Rückblick 2. Quartal 2009

Märkte von Optimismus geprägt

Noch Anfang März preisten die Aktienmärkte die tiefste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression Anfang der 30er Jahre ein und Analysten prognostizierten den totalen Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems. Seit dem Tiefstand am 6. März hat der DAX um über 30 Prozent zugelegt, Russland über 70 Prozent und Rohöl kostet wieder knapp 70 USD je Barrel. Ökonomen diskutieren nun nicht mehr die Frage, ob die konjunkturelle Abwärtsspirale zu einem weltweiten Zusammenbruch des Wirtschaftssystems führt, sondern, ob sich die Konjunktur V-, U-, oder W-förmig erholt. Dank der starken Impulse von der Wirtschaftspolitik werden immer mehr Frühindikatoren und jüngst auch harte Daten veröffentlicht, die eine Erholung ankündigen. Die Stimmungsindikatoren der Unternehmen und der Verbraucher haben sich stabilisiert oder sogar wieder leicht erholt. Einzelne Barometer, wie das Ifo-Geschäftsklima und die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland zeigen sogar dynamische Aufwärtstrends. Laut dem Institut für Weltwirtschaft dürfte sich der Rückgang des globalen Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2009 im Vorjahresvergleich auf 1,8 Prozent belaufen haben. Auch in den vergangenen drei Monaten ging die Industrieproduktion in den Industrieländern noch weiter zurück, durch den starken Abbau der Lagerbestände verbessert sich aber die Aussicht auf einen raschen Produktionsanstieg, sobald sich die Nachfrage wieder stabilisiert. Erste Hinweise darauf lieferte zum Beispiel der zweite Anstieg der Aufträge für langlebige Wirtschaftsgüter in Folge in den USA. Größtes Sorgenkind bleibt die schlechte Beschäftigungslage. Seit Beginn der Rezession fielen in den USA bereits über 5 Millionen Arbeitsplätze weg und die Arbeitslosenquote stieg im Mai auf 9,4 Prozent. Durch die schlechtere Einkommenssituation und den Preisverfall am Aktien- und Häusermarkt haben die privaten Haushalte massive Vermögensverluste erlitten. Auch wenn die letzten Daten eine leichte Stabilisierung der Einkommens- und Konsumentwicklung zeigen, wird die private Nachfrage noch längere Zeit belastet bleiben.

Expansive Maßnahmen der Notenbanken

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Ende Juni ihre Mittel im Kampf gegen die Wirtschafts- und Kreditkrise erweitert. Erstmals wurde ein Zinstender mit einer Laufzeit von einem Jahr durchgeführt. Die Möglichkeit, Kapital zu einem Zinssatz von einem Prozent auf ein Jahr zur Verfügung gestellt zu bekommen und zugleich noch die Gewissheit zu haben, dass die EZB volle Zuteilung gewährleistet, war für die Banken offenbar äußerst attraktiv. So wurden letztlich 442 Mrd. EUR an die Banken überwiesen. In Summe sind derzeit über 700 Mrd. EUR an längerfristigen Zinsgeschäften ausständig. Das übliche Ein-Wochen-Hauptrefinanzierungsgeschäft fällt mit zuletzt knapp 170 Mrd. EUR vergleichsweise gering aus. Die Intention der EZB ist demnach offenbar, die Banken längerfristig mit Kapital zu versorgen und somit die Kalkulierbarkeit von deren Kapitalausstattung auch auf längere Sicht zu verbessern. Letztlich wurde dieser Schritt natürlich auch mit dem Ziel durchgeführt, die Kreditversorgung der Wirtschaft zu verbessern. Wenig überraschend, aber dennoch bemerkenswert war die Tatsache, dass die Geschäftsbanken etwa ein Drittel, nämlich 143 Mrd. EUR, wieder über Nacht bei der EZB angelegt haben. Da die Banken jedoch kaum daran interessiert sein können, auf längere Sicht Zinsverluste (aufgrund der Differenz zwischen dem Zinssatz für die Ausleihung und jenem für die Einlage bei der EZB) hinnehmen zu müssen, sollten sich die Einlagen bei der EZB im Laufe der kommenden Wochen und Monate wieder verringern.

Ausblick - Positionierung

Zugang zu den Kreditmärkten in Euroland beginnt sich zu lockern ...

Derzeit sind die Wachstumsraten der Kredite an den privaten Sektor rückläufig. Bei Banken durchgeführte Umfragen haben bereits seit mehreren Quartalen eine Verschärfung der Kreditstandards bzw. der Kreditvergaberichtlinien angedeutet. Allerdings zeigten die Ergebnisse des zweiten Quartals eine Trendumkehr. Offenbar werden die Anforderungen sowohl für Großunternehmen aber auch für Klein- und Mittelbetriebe wieder verringert und so der Zugang zu Fremdkapital vereinfacht. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt und ein wichtiger Beitrag geleistet wird, um das Konjunkturtief möglichst rasch zu verlassen.

Grafik: Zusammensetzung der Inflation in der Eurozone (Quelle: Ecowin)

Die Liquidität, die die Zentralbanken zur Verfügung stellen, bereitet manchen Kommentatoren Sorgen: Sie befürchten die schnelle Rückkehr einer hohen Inflation durch die große Geldmenge und damit einen Anstieg der Zinskurve sowie einen Verlust bei lange laufenden Staatsanleihen. Wir teilen diese Befürchtungen nur sehr beschränkt, denn die Kapazitätsauslastungen der Unternehmen sind zu niedrig, um Preiserhöhungen im Markt in nächster Zeit durchzusetzen. Zur allgemeinen Beruhigung ist die vom Markt eingepreiste Inflation bei inflationsgebundenen Anleihen auf ein Niveau gestiegen, das keine deflationäre Stagnation widerspiegelt, sondern ein faires Ansteigen der Inflation nach der Krise (ab 2011) auf ein Niveau auf oder knapp über dem 2-Prozent-Zielniveau der EZB.

... und das Schlimmste scheint überstanden.

Die OECD rechnet im Jahr 2009 mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 4,8 Prozent. Für 2010 erwartet sie eine Stagnation. Verbessert haben sich die Aussichten für eine Erholung dadurch, dass die Lagerhaltung in den vergangenen Quartalen stark reduziert worden ist. Auch eine geringe Erholung der globalen Nachfrage könnte die Produktion kurzfristig merklich beleben. Die Geschäftsklimaumfragen und insbesondere die Erwartungen der Unternehmen für das Exportgeschäft haben sich in den letzten Wochen stark gebessert.

USA vor Hyperinflation?

Auch wenn es der US-Notenbank (Fed) gelungen ist, das Bankensystem zu stabilisieren, kann noch nicht vom Ende der Kreditkrise gesprochen werden. Durch Aufkäufe von Treasuries und mit Hypothekenkrediten unterlegten verbrieften Wertpapieren im Wert von Hunderten Milliarden Dollar versucht die US-Notenbank, die Kreditvergabe anzuregen und die Marktzinsen niedrig zu halten. Während sich die Hypothekenzinsen und die Zinsen für Unternehmenskredite mittlerweile auf historischen Tiefständen befinden, geht das Kreditvolumen der Geschäftsbanken aber weiter zurück, anstatt sich auszuweiten.

Die aggressive Politik der Fed hat zu einer massiven Ausweitung der Geldbasis auf der Passivseite der Bilanz geführt und die Sorgen der Marktteilnehmer über einen starken Anstieg der Inflation in den USA sind noch akzentuierter als in Euroland. Gefahr besteht aber nur dann, wenn erstens die Maßnahmen zur Stabilisierung des Finanzsystems durch neu geschaffenes Geld finanziert werden und zweitens dieses von den Geschäftsbanken an Unternehmen und Verbraucher weitergegeben wird. Ersteres ist zwar der Fall, durch die Verknappung des Kreditangebotes kommt die zusätzlich geschaffene Liquidität der Wirtschaft aber kaum zugute. Kurzfristig besteht daher kein nennenswerter Inflationsdruck. Die Kerninflationsrate beträgt derzeit 1,8 Prozent und die aus den 9-jährigen Treasury Inflation Protected Securities abgeleiteten Inflationserwartungen liegen bei 1,8 Prozent.

Mittel- bis langfristig hat die Fed das Problem, die Überschussliquidität wieder aus den Märkten zu nehmen. Geschieht dies nicht, wird die zusätzlich geschaffene Liquidität im Wirtschaftskreislauf ankommen, sobald sich die Kreditversorgung wieder normalisiert. Die Belebung der Investitionen von Unternehmen und Verbrauchern und die damit verbundene zunehmende Auslastung der Produktionskapazitäten erleichtern es den Unternehmen, die Preise zu erhöhen. Da Inflation aber erst mit einer Zeitverzögerung von 2-3 Jahren auftaucht, hat die Fed ein ausreichendes Zeitfenster, um die getroffenen Maßnahmen wieder rückgängig zu machen.

Durch die gedrückten Einkommensperspektiven bei den privaten Haushalten und den Finanzierungsproblemen bei Investoren wird die konjunkturelle Aufwärtsbewegung in den kommenden Monaten gedämpft ausfallen. Wir erwarten zwar, dass die Rezession der US-Wirtschaft in den kommenden Monaten zu Ende geht, einen moderaten Aufschwung halten wir aber für wahrscheinlicher als eine V-förmige Erholung. Die OECD erwartet im Jahr 2009 einen Rückgang des BIPs um 2,8 Prozent, für das kommende Jahr rechnet sie wieder mit einem Anstieg von 0,9 Prozent.

Japan - Silberstreifen am Horizont

Auch wenn die meisten Wirtschaftsdaten aus Japan weiterhin sehr schwach sind, so sind doch Verbesserungen zu erkennen. Der private Konsum stieg zuletzt leicht an. Aufgrund der etwas positiveren Stimmung könnte eine weitere Erholung folgen. Der Rückgang am Arbeitsmarkt arbeitet allerdings dieser Entwicklung entgegen. Die sehr schnelle Reduktion der Produktion führte auch in Japan dazu, dass viele Lager nun geringe Bestände aufweisen und es nun wieder zu einer leichten Anhebung der Produktion kommen sollte. Zusätzlich profitiert die Wirtschaft aufgrund der Nähe zum asiatischen Markt von der Verbesserung der Wirtschaft in der Region. Und auch die Innovationskraft der Unternehmen, insbesondere im Bereich der Produktion von energiesparenden Geräten sowie in der Nutzung von Alternativen Energiequellen (Wind, Solar), sollte zu einer erhöhten Nachfrage nach japanischen Erzeugnissen führen.

Asien - China als Wirtschaftsmotor der Region

Im Vergleich zu den westlichen Volkswirtschaften ist davon auszugehen, dass sich die asiatischen Länder am schnellsten von den Folgen der Wirtschaftskrise erholen. Zurückzuführen ist dies auf die lokale Nachfrage und der relativ guten Entwicklung von China als Motor in der Region. Das Wachstum in China betrug im ersten Quartal 6,1 Prozent - deutlich niedriger als in früheren Zeiträumen, jedoch höher als von vielen erwartet. Um soziale Unruhen zu vermeiden, wird die Regierung alles tun, um das Wachstum wieder auf die Zielrate von 8 Prozent zu bringen. Für den Notfall stehen bereits weitere Stimulierungspakete bereit. Private Haushalte und Unternehmen verzeichnen eine hohe Sparquote. Der Aufbau eines Sozialsystems und weitere strukturelle Änderungen könnten hier langfristig zu einer Reduktion dieser und zum Anstieg des Konsums führen.

Rohstoffe: Investitionskürzungen verknappen das Angebot

Nach einer beeindruckenden Rally der Rohstoffe (allen voran der Industriemetalle) im zweiten Quartal des Jahres scheint Ende Juni eine Konsolidierungsphase eingetreten zu sein. China, hauptverantwortlich für die Preisbewegungen vieler Rohstoffe, nutzte die relativ billigen Preise, um Lagerbestände aufzubauen. Damit diese Rally nachhaltig wird, muss sich aber auch die Nachfrage in den anderen Ländern, vor allem in den OECD-Mitgliedsstaaten, wieder beleben. Bis zu diesem Zeitpunkt ist eher mit Seitwärtsbewegungen und mit Korrekturpotenzial an einigen Rohstoff-Märkten zu rechnen. Mittel- bis langfristig ist der Ausblick aber weiterhin positiv und bis zum Jahresende scheint eine weitere Preis-Rally möglich. Sobald die Konjunktur wieder anspringt, könnte der starke Rückgang der Investitionen in vielen Rohstoffbereichen zu Angebotsengpässen führen. Besonders Industriemetalle und Energie sollten vom positiven Makroumfeld profitieren. Bei Energie ist vor allem Rohöl zu erwähnen, dessen Preis sich heuer bereits mehr als verdoppeln konnte. Analysten gehen von einem Jahresendpreis von 75 bis 85 USD aus.

Wie viel Erholung haben die Märkte schon eingepreist?

Einige Marktteilnehmer befürchten, dass die wirtschaftliche Erholung schwächer ist, als es der Anstieg der Aktienkurse nahelegt. Wir denken aber nicht, dass die Märkte eine weltweite wirtschaftliche Erholung schon vorweggenommen haben. Obwohl die Aktienkurse seit März kräftige Zuwächse verzeichneten, hat der S&P 500 das Niveau vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers noch nicht erreicht. Der Index liegt nach wie vor mehr als 20 Prozent unter dem Kurs vom 15. September 2008. Die Tiefstände von Mitte März preisten eine Depression der Weltwirtschaft ein. Selbst wenn die Märkte schon den ganzen Weg zu den Indexständen vor der Lehman-Pleite zurückgelegt hätten, würden die Kurse noch keine wirtschaftliche Erholung reflektieren. Denn schon vor dem Lehman-Debakel hatten die globalen Aktienmärkte einen zyklischen Bärenmarkt durchlaufen und eine Rezession eingepreist.

Der Anstieg in den vergangenen Monaten war nichts anderes als ein Auspreisen des negativsten Szenarios. Die weitere Entwicklung wird maßgeblich vom Vorhandensein positiver Konjunkturdaten abhängen. Für eine Fortsetzung der kräftigen Rally muss die Realwirtschaft erst bestätigen, was die Frühindikatoren schon seit einiger Zeit ankündigen.

Die Gewinndynamik hat sich stark verbessert. Die Gewinne im S&P 500 gingen im ersten Quartal zwar um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, das Verhältnis von Abwärts- zu Aufwärtskorrekturen hat sich aber stark gebessert. Zudem haben die Abwärtsrevisionen in den globalen Gewinnschätzungen laut Thomson Financial im Juni nur mehr um 1,4 Prozent abgenommen. Gemäß Konsens werden die weltweiten Gewinne 2009 um 16,4 Prozent sinken und 2010 um 21,2 Prozent zunehmen.

Aufgrund der verbesserten fundamentalen Vorzeichen haben wir unsere Aktienquote in zwei Schritten Anfang April und Anfang Mai wieder auf neutral gestellt und unsere Positionierung in zyklischen Werten verstärkt.

Grafik: World Earnings Revisions Balance (Quelle: Nomura)

Wir erwarten, dass die Schwellenmärkte aufgrund ihrer besseren Fundamentaldaten ihre Outperformance fortsetzen und haben unserer Übergewichtung in Asien und Mittel- und Osteuropa ein Engagement in Brasilien beigefügt.

Diesen Übergewichtungen stehen untergewichtete Positionen in den Industrieländern gegenüber. Wir erwarten, dass die USA dank der Tragweite der ergriffenen Maßnahmen als eine der ersten Volkswirtschaften zu einer Erholung ansetzen werden. Da wir attraktivere Engagements in den Emerging Markets sehen, haben wir die neutrale Gewichtung aber auf ein leichtes Untergewicht reduziert.

Infolge des deutlich schlechteren Ausblicks für die europäische Wirtschaft sind wir in europäischen Aktien derzeit klar untergewichtet. Aufgrund der Nähe zum asiatischen Markt haben wir unsere Gewichtung in Japan gesteigert, bleiben aber weiterhin untergewichtet.

Steile Zinskurve antizipiert Erholung

Die Zinsstrukturkurve spiegelt die erwartete Erholung ab 2010 und die damit erwarteten Zinserhöhungen in deutlicher zeitlicher Distanz zu heute wider. Die höhere Rendite bei länger laufenden Anleihen entschädigt in einem fairen Ausmaß für das Risiko, dass die Erholung schneller kommt als erwartet. Durch das wechselnde Sentiment erwarten wir aber weiter eine hohe Volatilität bei den langen Anleihen.

Die Einengung der Aufschläge bei Unternehmensanleihen brachte für die Anleiheinvestoren die größten Gewinne im vergangenen Quartal. Nach wie vor ist der Run auf diese Anleihen ungebrochen.

Erfreulich ist auch die "Erweckung" des Marktes für besicherte Anleihen (z.B. Pfandbriefe) durch die EZB, die im Mai ein Kaufprogramm für diese Anleihen angekündigt hat. Insbesondere für sicherheitsbedürftige Anleger ergeben sich dadurch wieder gute Chancen.

CEE - Rückkehr zu alten Tugenden

Was passiert, wenn sich der Markt in der Wahrnehmung von einem Worst-Case-Szenario entfernt und das Szenario einer sehr schweren Rezession einzupreisen beginnt, wurde im abgelaufenen zweiten Quartal deutlich. So schwierig das Umfeld auch ist: Der Wechsel in der Marktwahrnehmung von einem Depressions- hin zu einem Rezessionsszenario hat riskantere Asset-Klassen auf globaler Basis beflügeln können. Dazu kommt noch, dass sich aufgrund von (verfrühten?) Inflationsbefürchtungen und einer starken Nachfrage aus China Rohstoffe wie Öl oder Industriemetalle im Preis spürbar verteuert haben. In diesem Umfeld fallender Risikoaversion und steigender Rohstoffpreise erfreuen sich Aktien rohstoffexportierender Länder (Russland, Brasilien ...) stets besonders hoher Nachfrage. So stieg der rohstofflastige russische Leitindex RTX seit Jahresbeginn um über 50 Prozent, vom Tief im Jänner zum Hoch Anfang Juni gar um mehr als 100 Prozent. Interessanterweise hat der Ölpreis einen ganz ähnlichen Verlauf. Eine hohe Korrelation sagt zwar nichts über Kausalität aus, allerdings steht außer Zweifel, dass die Höhe des Ölpreises in der Einschätzung der Lage der russischen Wirtschaft eine ganz entscheidende Rolle spielt. Als Folge des steigenden Ölpreises stieg auch der Wechselkurs wieder an, der Rubel war bis in den Februar hinein ganz massiv unter Abwertungsdruck. Mit dem Anziehen des Ölpreises befestigte sich auch der Rubel wieder. Dies hat Auswirkungen auf die Stabilität des Finanzsektors, sodass es auch hier zu einem sehr starken Rebound gekommen war. Auch die anderen Währungen in Zentral- und Osteuropa konnten sich merklich befestigen, wie beispielsweise der HUF, oder zumindest stabilisieren, wie die CZK oder der PLN. Damit wird Druck von Banken jener Regionen genommen, wo Fremdwährungskredite eine große Rolle spielen, da mit dem Anstieg der Wechselkurse die Ausfallswahrscheinlichkeit der FX-Kredite wieder abnimmt.

Grafik: (Quelle: Bloomberg) http://www.gutmann.at/uploads/pics/Grafik3_2009Q2.gif

Die Stabilisierung der Wechselkurse hat auch für den westlichen Banksektor entscheidende Bedeutung: Dann nämlich, wenn in der Region Beteiligungen gehalten werden, die bei einem etwaigen Fall des Wechselkurses das eigene Eigenkapital belasten würden.

So schmerzlich der Wechselkursverfall für Investoren kurzfristig auch ist, so wichtig ist er mittel- bis längerfristig. Denn dadurch gewinnt eine "alte" Tugend von Osteuropa wieder an Bedeutung, nämlich die attraktive Kostenstruktur. Der große Vorteil von Zentral- und Osteuropa über die letzten Jahre - die lohnkostenbereinigte Produktivität - rückt damit wieder vermehrt in den Mittelpunkt. Der gegenwärtige Rückzug westlicher Konzerne aus Osteuropa spiegelt sich in einem Verfall der Industrieproduktion wieder. Doch bei einem Drehen des Zyklus wird das Thema rund um die Auslagerung von Produktionskapazitäten wieder im Raum stehen. Und da wird Osteuropa wieder deutlich attraktiver sein.

Keine Frage, die wirtschaftliche Situation ist nach wie vor geprägt von schlechten Nachrichten: Steigende Arbeitslosigkeit, fallende Industrieproduktion, schwacher Einzelhandel. Kein Land in Osteuropa wird 2009 ein positives Wirtschaftswachstum ausweisen, vielleicht schafft Polen eine schwarze Null. Eine Reihe von Faktoren spricht aber dafür, dass wir uns schon am Beginn einer Erholungsphase befinden: Wichtige westliche Stimmungsindikatoren, wie der ISM-Index in den USA oder der ifo-Index in Europa, aber auch gute Nachrichten aus dem verarbeitenden Gewerbe Chinas deuten schon seit ein paar Monaten an, dass wir es mit einer deutlichen Verbesserung des wirtschaftlichen Umfelds zu tun haben. Auch in Osteuropa gibt es bereits Entspannungssignale in der Industrie. Im Jahresvergleich fallen die Industrieproduktionszahlen zwar noch stark, im Monatsvergleich allerdings ist ein Drehen des Trends bereits bemerkbar.

Wenn man von einer Erholung der globalen Wirtschaft ausgeht, dann beeinflussen Faktoren wie Außenhandel und Verfügbarkeit von Kapital die Emerging Markets ganz besonders. Auch wenn die Gefahr einer W-förmigen Erholung gegeben ist, sehen wir uns doch in unserer positiven Einschätzung zu Osteuropa bestätigt.

Grafik: Renten USA / Aktien USA (Quelle: Bloomberg)

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