Öl bald wieder über 100 USD?
Anfang Juni überschritt der Ölpreis der Sorte WTI zum ersten Mal seit
November 2008 die 70-USD-Marke. Seit dem Tiefstand bei knapp 34 USD je
Barrel vor etwas mehr als 4 Monaten hat sich der Kurs mehr als verdoppelt
und damit stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit dieser Entwicklung.
Grafik: Entwicklung des Ölpreises der Sorte WTI seit Juli 2008 (Quelle:
Bloomberg)
Was die Nachfrage betrifft, kam es jedenfalls zur ersten Aufwärtsrevision
der weltweiten Ölnachfrage seit fast einem Jahr durch die Internationale
Energieagentur. Die Nachfrage wird demnach im Jahr 2009 mit 83,3 Mio. Barrel
pro Tag nur um 2,47 Millionen niedriger sein als 2008 und nicht um 2,56 Mio.
Barrel wie zuvor veranschlagt. Vor allem China nutzt die günstigen
Rohstoffpreise, um strategische Lagerbestände aufzubauen. Die Rohölimporte
Chinas stiegen im Mai auf das höchste Niveau seit 14 Monaten. Von einer
nachhaltigen Erholung kann aber erst gesprochen werden, wenn sich die
Nachfrage auch auf andere Regionen, vor allem auf die OECD-Staaten,
ausbreitet.
Als Reaktion auf die fallende Nachfrage im letzten Jahr verknappte die OPEC
die Fördermenge seit Oktober 2008 um 4,2 Mio. Barrel pro Tag.
Dementsprechend begannen sich die US-Rohölvorräte in den letzten Wochen zu
verringern. So sanken die Lagerbestände in der vergangenen Woche wieder um
3,9 Mio. Barrel. In den vergangenen Wochen sind die Rohöllagerbestände damit
um mehr als 21 Mio. Barrel gefallen, liegen damit aber noch immer 8,5
Prozent über ihrem 5-Jahres-Durchschnitt.
Niedrige Preise und hohe Entwicklungskosten haben zu einem Rückgang der
Investitionen in den Ölsektor geführt. Die Internationale Energieagentur
warnte in ihrem Juni-Report davor, dass, sobald die Konjunktur wieder
anspringt, Investitionskürzungen zu neuen Rekordpreisen bei Öl führen
könnten. Anhaltspunkte für eine plausible Preisprognose liefern die
Einschätzungen der OPEC-Mitglieder. Wie Generalsekretär Abdalla S. El-Badri
bei einem Treffen mit EU-Vertretern im Juni dieses Jahres erklärte, sieht
die OPEC die Investitionssicherheit bei einem Ölpreis von 80 USD je Barrel
gewährleistet. Langfristig dürfte die zunehmende Verknappung des Ölangebots
dauerhaft niedrige Ölpreise verhindern. Im Gegensatz zur OPEC, die über
genug Ölreserven verfügt, um einen steigenden Bedarf decken zu können, haben
die Nicht-OPEC-Staaten ihr Fördermaximum bereits überschritten. Die
Ölanalysten von Goldman Sachs haben ihre Ölpreisprognose für Ende 2009
deutlich auf 100 USD je Barrel angehoben.
Die Kurse wurden allerdings in den letzten Wochen großteils von Spekulanten
getrieben, was gegen eine Nachhaltigkeit der Rally spricht. Die
Fundamentaldaten fielen eher gemischt aus und kurz- bis mittelfristig
erwarten wir keine extremen Kursschwankungen. Weder starker Optimismus noch
großer Pessimismus scheinen angebracht und Rohöl bleibt in unserem Real
Assets Portfolio vorerst neutral gewichtet.
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