Gutmann Investment Mail Juni 2009

"V-förmige" Erholung - Wunschdenken oder Wirklichkeit?

Noch Anfang März preisten die Aktienmärkte die tiefste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression Anfang der 30iger Jahre ein und Analysten prognostizierten den totalen Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems. Mittlerweile hat der DAX 40 Prozent zugelegt, der russische RTX hat sich verdoppelt und Rohöl kostet wieder über 60 USD je Barrel. Ökonomen diskutieren nun nicht mehr die Frage ob die konjunkturelle Abwärtsspirale zu einem weltweiten Zusammenbruch des Wirtschaftssystems führt, sondern ob sich die Konjunktur V-, U-, oder W-förmig erholt. Nachdem einige wichtige Vorlaufindikatoren überraschend positiv ausfielen, scheint sich die Erwartung einer kräftigen und nachhaltigen Erholung durchzusetzen.

Ein stark beachteter Frühindikator mit engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland ist der Ifo-Geschäftsklimaindex. Monatlich werden etwa 7.000 deutsche Unternehmer gebeten, ihre gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate bekannt zu geben. Während die Lagebeurteilung im Mai rückläufig war, stiegen die weiter vorausschauenden und damit für die Märkte bedeutenderen Geschäftserwartungen zum fünften Mal in Folge an.

Auch der deutsche Einkaufsmanagerindex, der auf einer monatlichen Befragung von Einkaufsleitern und Geschäftsführern basiert, kündigte im Mai eine markante Verbesserung an. Im verarbeitenden Gewerbe wurde der höchste Stand seit sieben Monaten erreicht und der Indikator für den Dienstleistungssektor näherte sich mit 46 Punkten sogar der Expansionsschwelle von 50. Neben dem Einkaufsmanagerindex und dem Ifo-Geschäftsklimaindex besitzen auch die ZEW-Konjunkturerwartungen eine gewisse Aussagekraft bezüglich der weiteren konjunkturellen Entwicklung in Deutschland.

Grafik: Entwicklung der ZEW-Konjunkturerwartungen seit Jänner 2007 (Quelle: Bloomberg)

Diese verzeichneten im Mai den siebten Anstieg in Folge. Sie kletterten auf den höchsten Wert seit Juni 2006 und ähneln damit einem V-förmigen Verlauf. Die Stimmung der Volkswirte dürfte in den vergangenen Wochen auch von ersten Anzeichen einer Erholung in der Realwirtschaft unterstützt worden sein. So ging die Produktion im deutschen produzierenden Gewerbe im März erstmals seit sieben Monaten nicht zurück und die Exporte und Auftragseingänge legten wieder zu.

USA

Damit mehren sich die Anzeichen, dass der Wendepunkt erreicht und das Schlimmste überstanden ist. Das gilt auch verstärkt für die USA, wo die Anzeichen einer Stabilisierung der Wirtschaft in den letzten Wochen ebenfalls stark zugenommen haben. Bei der Entwicklung am Arbeitsmarkt steht das Schlimmste aber noch bevor. Laut den Wirtschaftsprognosen der US-Notenbank wird die Arbeitslosenquote 2009 voraussichtlich auf 9,1–10 Prozent ansteigen. Seit Beginn der Rezession sind bereits über 5 Millionen Arbeitsplätze weggefallen und da der Arbeitsmarkt der Konjunktur nachhinkt, werden die Arbeitsplatzverluste noch einige Zeit anhalten. Immerhin signalisiert aber der Rückgang der Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung, dass sich der Beschäftigungsabbau verlangsamt. Aufgrund der deutlich gesunkenen Jobangebote ist aber auch nach einer Stabilisierung am Arbeitsmarkt keine kräftige Zunahme der Arbeitsplätze zu erwarten.

Deutschland

Anders als in den USA hat sich die Beschäftigung in Deutschland bislang gut gehalten. Die Abwärtsbewegung am Arbeitsmarkt dürfte sich aber im weiteren Jahresverlauf noch wesentlich verschlechtern. Hinweise dafür sind der Rückgang der gemeldeten Stellen und der starke Anstieg der Kurzarbeit. Die Kombination aus hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen wird dazu führen, dass der private Konsum als Wachstumsstütze noch einige Quartale ausfällt. Die konjunkturelle Aufwärtsbewegung dürfte dadurch in den kommenden Monaten gedämpft werden. Wir erwarten, dass die Rezession der US-Wirtschaft in den kommenden Monaten zu Ende geht und die sich die Wirtschaftstätigkeit in Europa langsam stabilisiert. Einen moderaten oder U-förmigen Verlauf des Aufschwungs halten wir für wahrscheinlicher als eine V-förmige Erholung. Nach dem massiven Konjunktureinbruch und den düsteren Aussichten der vergangenen Monate reicht aber auch die Aussicht auf eine allmähliche Erholung, um die Aktienmärkte zu unterstützen.

Gutmann Investmentstrategie

Wir haben unser Risiko leicht erhöht und unsere Aktiengewichtung auf neutral gestellt. Wir erwarten, dass die USA dank der Tragweite der ergriffenen Maßnahmen als eine der ersten Volkswirtschaften zu einer Erholung ansetzen werden und bleiben bei unserer Präferenz für US-Aktien, in europäischen Aktien sind wir nach wie vor untergewichtet. Wir halten es auch für wahrscheinlich, dass sich die Emerging Markets weiterhin überdurchschnittlich entwickeln. Mit einer weiteren Verlagerung in Richtung Asien wollen wir davon profitieren. Vor allem Infrastrukturausgaben werden in vielen Staaten als Teil der Lösung gesehen, um das Wirtschaftsgeschehen anzukurbeln. Diese Investitionen eröffnen große Chancen für Unternehmen mit hohem Anteil am Infrastrukturmarkt. Niedrige Lohnkosten und gut ausgebildete Arbeitskräfte machen Mittel- und Osteuropa attraktiv. Dieser Effekt wird sich bei weiterer Abwertung der Lokalwährungen verstärken und wir bleiben in diesen Märkten übergewichtet.

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