"V-förmige" Erholung - Wunschdenken oder Wirklichkeit?
Noch Anfang März preisten die Aktienmärkte die tiefste Wirtschaftskrise seit
der Großen Depression Anfang der 30iger Jahre ein und Analysten
prognostizierten den totalen Zusammenbruch des internationalen
Finanzsystems. Mittlerweile hat der DAX 40 Prozent zugelegt, der russische
RTX hat sich verdoppelt und Rohöl kostet wieder über 60 USD je Barrel.
Ökonomen diskutieren nun nicht mehr die Frage ob die konjunkturelle
Abwärtsspirale zu einem weltweiten Zusammenbruch des Wirtschaftssystems
führt, sondern ob sich die Konjunktur V-, U-, oder W-förmig erholt. Nachdem
einige wichtige Vorlaufindikatoren überraschend positiv ausfielen, scheint
sich die Erwartung einer kräftigen und nachhaltigen Erholung durchzusetzen.
Ein stark beachteter Frühindikator mit engem Zusammenhang mit der
wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland ist der Ifo-Geschäftsklimaindex.
Monatlich werden etwa 7.000 deutsche Unternehmer gebeten, ihre gegenwärtige
Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die nächsten sechs
Monate bekannt zu geben. Während die Lagebeurteilung im Mai rückläufig war,
stiegen die weiter vorausschauenden und damit für die Märkte bedeutenderen
Geschäftserwartungen zum fünften Mal in Folge an.
Auch der deutsche Einkaufsmanagerindex, der auf einer monatlichen Befragung
von Einkaufsleitern und Geschäftsführern basiert, kündigte im Mai eine
markante Verbesserung an. Im verarbeitenden Gewerbe wurde der höchste Stand
seit sieben Monaten erreicht und der Indikator für den Dienstleistungssektor
näherte sich mit 46 Punkten sogar der Expansionsschwelle von 50. Neben dem
Einkaufsmanagerindex und dem Ifo-Geschäftsklimaindex besitzen auch die
ZEW-Konjunkturerwartungen eine gewisse Aussagekraft bezüglich der weiteren
konjunkturellen Entwicklung in Deutschland.
Grafik: Entwicklung der ZEW-Konjunkturerwartungen seit Jänner 2007 (Quelle: Bloomberg)
Diese verzeichneten im Mai den siebten Anstieg in Folge. Sie kletterten auf
den höchsten Wert seit Juni 2006 und ähneln damit einem V-förmigen Verlauf.
Die Stimmung der Volkswirte dürfte in den vergangenen Wochen auch von ersten
Anzeichen einer Erholung in der Realwirtschaft unterstützt worden sein. So
ging die Produktion im deutschen produzierenden Gewerbe im März erstmals
seit sieben Monaten nicht zurück und die Exporte und Auftragseingänge legten
wieder zu.
USA
Damit mehren sich die Anzeichen, dass der Wendepunkt erreicht und das
Schlimmste überstanden ist. Das gilt auch verstärkt für die USA, wo die
Anzeichen einer Stabilisierung der Wirtschaft in den letzten Wochen
ebenfalls stark zugenommen haben. Bei der Entwicklung am Arbeitsmarkt steht
das Schlimmste aber noch bevor. Laut den Wirtschaftsprognosen der
US-Notenbank wird die Arbeitslosenquote 2009 voraussichtlich auf 9,1–10
Prozent ansteigen. Seit Beginn der Rezession sind bereits über 5 Millionen
Arbeitsplätze weggefallen und da der Arbeitsmarkt der Konjunktur nachhinkt,
werden die Arbeitsplatzverluste noch einige Zeit anhalten. Immerhin
signalisiert aber der Rückgang der Zahl der Erstanträge auf
Arbeitslosenunterstützung, dass sich der Beschäftigungsabbau verlangsamt.
Aufgrund der deutlich gesunkenen Jobangebote ist aber auch nach einer
Stabilisierung am Arbeitsmarkt keine kräftige Zunahme der Arbeitsplätze zu
erwarten.
Deutschland
Anders als in den USA hat sich die Beschäftigung in Deutschland bislang gut
gehalten. Die Abwärtsbewegung am Arbeitsmarkt dürfte sich aber im weiteren
Jahresverlauf noch wesentlich verschlechtern. Hinweise dafür sind der
Rückgang der gemeldeten Stellen und der starke Anstieg der Kurzarbeit. Die
Kombination aus hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen wird dazu
führen, dass der private Konsum als Wachstumsstütze noch einige Quartale
ausfällt. Die konjunkturelle Aufwärtsbewegung dürfte dadurch in den
kommenden Monaten gedämpft werden. Wir erwarten, dass die Rezession der
US-Wirtschaft in den kommenden Monaten zu Ende geht und die sich die
Wirtschaftstätigkeit in Europa langsam stabilisiert. Einen moderaten oder
U-förmigen Verlauf des Aufschwungs halten wir für wahrscheinlicher als eine
V-förmige Erholung. Nach dem massiven Konjunktureinbruch und den düsteren
Aussichten der vergangenen Monate reicht aber auch die Aussicht auf eine
allmähliche Erholung, um die Aktienmärkte zu unterstützen.
Gutmann Investmentstrategie
Wir haben unser Risiko leicht erhöht und unsere Aktiengewichtung auf neutral
gestellt. Wir erwarten, dass die USA dank der Tragweite der ergriffenen
Maßnahmen als eine der ersten Volkswirtschaften zu einer Erholung ansetzen
werden und bleiben bei unserer Präferenz für US-Aktien, in europäischen
Aktien sind wir nach wie vor untergewichtet. Wir halten es auch für
wahrscheinlich, dass sich die Emerging Markets weiterhin
überdurchschnittlich entwickeln. Mit einer weiteren Verlagerung in Richtung
Asien wollen wir davon profitieren. Vor allem Infrastrukturausgaben werden
in vielen Staaten als Teil der Lösung gesehen, um das Wirtschaftsgeschehen
anzukurbeln. Diese Investitionen eröffnen große Chancen für Unternehmen mit
hohem Anteil am Infrastrukturmarkt. Niedrige Lohnkosten und gut ausgebildete
Arbeitskräfte machen Mittel- und Osteuropa attraktiv. Dieser Effekt wird
sich bei weiterer Abwertung der Lokalwährungen verstärken und wir bleiben in
diesen Märkten übergewichtet.
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