Kommentar zur aktuellen Wirtschaftslage, 28. Oktober 2008
Ein Beitrag von Mag. Friedrich Strasser, Vorstand und CIO der Gutmann
Kapitalanlageaktiengesellschaft
Letzte Woche nahm ich an sehr interessanten Meetings und Konferenzen in New
York teil.
Zunächst möchte ich festhalten, dass die Rezession in New York bereits
deutlich spürbar ist. Die gehobenen Geschäfte der Madison Avenue sind leer
und das Verkehrsaufkommen ist außergewöhnlich gering. Allein für den
Bankensektor in der City of New York werden weitere 75.000 Jobverluste
erwartet und hinzu kommen noch etwa dreimal so viele Stellenkürzungen in
Banken-abhängigen Sektoren wie zum Beispiel Restaurants und
Reinigungsunternehmen. Die Banker beginnen bereits, aus dem Zentrum in eine
billigere Umgebung zu ziehen.
Im Vergleich zur vorangehenden Liquiditätskrise ist die Rezession aber fast
eine Art Erleichterung. Denn eine Rezession ist Teil eines normalen Zyklus,
den wir bereits in der Vergangenheit erlebt haben, während die
Liquiditätskrise ein unbekannter Feind ist. Viele Sprecher auf der
jährlichen BCA-Konferenz teilten die Ansicht, dass der Tiefpunkt der
Liquiditätskrise bereits überwunden sei. Weltweit setzen Regierungen und
Zentralbanken gemeinsam die notwendigen Schritte, um das Bankensystem zu
stabilisieren. Mit der Zeit wird das auch gelingen.
Nachfolgend einige positive Aussagen von der BCA-Konferenz:
Politik, Geopolitik und finanzielle Instabilität
Die Vereinigten Staaten sind in der glücklichen Lage, in den nächsten Tagen
einen neuen Präsidenten zu wählen. Die meisten Experten erwarten, dass
Senator Barack Obama gewählt wird. Ein neues Gesicht an der Spitze könnte
den Amerikanern helfen, neuen Mut zu fassen und als der nötige Auslöser für
einen Wechsel dienen.
China wird weiterhin das Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten
finanzieren
Das amerikanische Rettungspaket ist finanziell umsetzbar. Laut aktuellen
Schätzungen liegen die Kosten unterhalb der Ausgaben für den Krieg gegen den
Terrorismus.
Aufgrund des höheren Verschuldungsgrades der europäischen Banken wird die
Krise für Europa schlimmer als für die Vereinigten Staaten ausfallen.
Geopolitische Rivalen wie Venezuela, Russland oder Iran leiden unter den
fallenden Rohstoffpreisen.
Die Spannungen im Mittleren Osten verringern sich. Die Situation im Irak
verbessert sich und diplomatische Beziehungen mit dem Iran sind wieder
möglich.
Chimerica - die symbiotische Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und
China - bleibt weiter bestehen. Die Vereinigten Staaten sind zu groß, um
zusammenzubrechen und China wird weiterhin das Handelsbilanzdefizit der
Vereinigten Staaten finanzieren.
Gibt es Licht am Ende des Tunnels?
Die Vereinigten Staaten befinden sich bereits in einer Rezession, die im
November 2007 begann und voraussichtlich bis Ende Q3 2009 andauern wird. Die
Reduktion des Verschuldungsgrades wird viel Zeit beanspruchen und das
Wirtschaftswachstum wird in den nächsten Jahren unter Potential liegen. Die
amerikanische Regierung wird nicht nur ihren Beitrag zur Rettung des Finanz-
und des Wohnbausektors leisten, sondern auch als aktiver Investor in
Bereichen wie alternative Energiegewinnung sowie Infrastrukturentwicklung
tätig werden.
Zahlreiche Entwicklungen sind positiv für die Aktienmärkte:
Grafik: Inflationserwartungen von Capital Economics (Quelle: Thomson
Datastream & Capital Economics)
Die Situation in Europa ist komplexer. Hier müssen wir mit einem
längerfristigen, rezessiven Umfeld rechnen, da die EZB und die europäischen
Unternehmen nicht die gleiche Flexibilität wie die Notenbank und die
Unternehmen in den Vereinigten Staaten vorweisen können.
China wird weiterhin die treibende Kraft für das Weltwirtschaftswachstum
sein. Wir erwarten ein Wachstumspotential zwischen 7 Prozent und 8 Prozent.
Zusammenfassend haben wir den Eindruck, dass die Aktienmärkte bereits die
meisten negativen Ereignisse eingepreist haben. Wenn man auf Qualität setzt,
findet man viele Opportunitäten. Es ist allerdings weiterhin unmöglich, den
optimalen Zeitpunkt für einen Einstieg in die Märkte vorherzusagen. Deshalb
parken wir unsere Liquidität weiterhin sehr vorsichtig und beginnen nur
langsam wieder Geld in risikoreichere Werte, wie Unternehmensanleihen oder
Aktien zu investieren.
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