Gutmann Portfolio Management Report 3. Quartal 2008

Kurz gefasst


Rückblick 3. Quartal 2008

Ausfälle im Finanzsystem dominierten Aktienmärkte

Die Zuspitzung der Finanzkrise in den USA hat den Aktienbörsen im September erneut massive Verluste eingebracht. Nachdem die beiden größten Hypotheken-Institute Freddie Mac und Fannie May verstaatlicht worden waren, meldete eine Woche später Lehman Brothers, die viertgrößte Investmentbank der Wall Street, Insolvenz an. Das Problem waren vor allem vom Ausfall bedrohte Kreditpapiere aus dem Immobiliensektor. Auch Merrill Lynch überlebte die Krise nicht selbstständig und wurde von der Bank of America aufgefangen. Ein 700-Milliarden-USD-Rettungsplan des US-Finanzministeriums zum Aufkauf fauler Hypothekenkredite sollte die Bankenkrise lindern. Doch noch bevor die Regierung und der US-Kongress eine Einigung erzielten, erreichte die Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der Großsparkasse Washington Mutual einen neuen Höhepunkt. Die Großsparkasse wurde geschlossen und an JP Morgan zwangsverkauft. Das Scheitern des 700 Milliarden schweren Rettungspakets der US-Regierung führte Ende September erneut zum drastischen Einbruch der weltweiten Aktienmärkte.

Die Finanzkrise brachte auch einige Kreditinstitute in Europa in Schwierigkeiten. So erhielt etwa Fortis Milliardensummen von den Regierungen der Beneluxstaaten, die deutsche Hypo Real Estate musste mit Milliardenkrediten anderer Banken und mit Staatsgarantien gerettet werden und die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley wurde verstaatlicht. Der USD profitierte im August und in der ersten Septemberhälfte von den sinkenden Rohstoffpreisen und vom schwachen Konjunkturausblick in Euroland. Zwar war mit einer schwachen Entwicklung gerechnet worden, doch fiel das Bruttoinlandsprodukt mit einem Rückgang im zweiten Quartal von 0,2 Prozent enttäuschend aus. Der Euro fiel unter die Marke von 1,40 USD je EUR, zog aber im Zuge der Bankenkrise wieder an und schloss das dritte Quartal mit 1,4065. In den USA ließ sich die von vielen Analysten prognostizierte Rezession in den harten Konjunkturdaten nach wie vor nicht erkennen. Im zweiten Quartal erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt mit 3,3 Prozent sogar recht kräftig. Die Inlandsnachfrage entwickelte sich aber trotz Steuerschecks im Rahmen eines milliardenschweren US-Konjunkturprogramms der Regierung nur sehr schwach.

Infolge der konjunkturellen Abschwächung ließ auch die Dynamik in den Schwellenländern in der ersten Jahreshälfte 2008 etwas nach. In China schwächte sich das BIP-Wachstum im zweiten Quartal auf 10,1 Prozent ab. Trotz der hohen Inflationsraten expandierten aber die privaten Konsumausgaben nach wie vor kräftig. Wie bei jeder großen Finanzkrise mussten die Schwellenländer ungeachtet der Fundamentaldaten die größten Performanceverluste hinnehmen. Der russische Markt geriet besonders unter Druck, was mit den außenpolitischen Spannungen in Zusammenhang mit dem Georgienkonflikt zu erklären ist.

Nachdem die Inflationsängste im zweiten Quartal endlich nachzulassen begannen, brachte die Bankenkrise neue Sorgen für die Rentenmanager. Mit Staatsanleihen war man wieder einmal am besten investiert.

Ausblick - Positionierung

USA - Kreditklemme belastet Investitionspläne der Unternehmen und privaten Konsum

Die Banken werden ihre Kreditstandards weiter erhöhen und aufgrund der erschwerten Finanzierungsbedingungen dürften die bislang robusten Unternehmensinvestitionen in den kommenden Quartalen zurückgehen. Gleichzeitig wird auch die Inlandsnachfrage leiden. Das Ende der Fiskalmaßnahmen fällt mit einer nur geringen Zunahme der real verfügbaren Ein-kommen und der Erwartung einer zunehmenden Sparquote zusammen. Da sich auch das Wirtschaftswachstum im Ausland abschwächt, dürfte der Export in den nächsten Monaten ebenfalls an Dynamik einbüßen. Das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel rechnet in seinem Herbstgutachten für das laufende Jahr mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,9 Prozent. Im nächsten Jahr dürfte der Anstieg mit 1,2 Prozent etwas niedriger ausfallen.

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Inflationsprognosen von Capital Economics (Quelle: Capital Economics)

Euroraum - Wachstumsaussichten bleiben abwärtsgerichtet

Die jüngsten Einkaufsmanagerindizes signalisierten, dass Europa am Rande einer Rezession steht. Die bisherige Widerstandsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften resultierte weitgehend aus der Exportstärke der Unternehmen. In den kommenden Monaten wird die sich weiter abschwächende Weltkonjunktur den Außenhandel belasten. Die Schwäche im Immobiliensektor dämpft den Wohnungsbau und den privaten Konsum. Die Risiken hinsichtlich der Inflationsaussichten sind ausgewogener. Die EZB veranschlagt die Teuerung 2009 mit 2,6 Prozent, erwartet aber nicht, dass die Preisstabilität vor 2010 erreicht werden kann.

Japan - Konjunkturabkühlung drückt auf Exportdynamik

Das reale Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im zweiten Quartal um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Annualisiert bedeutet dies einen Rückgang um 2,4 Prozent. Die für japanische Verhältnisse hohen Inflationsraten könnten die ohnehin schon wenig ausgeprägte Konsumfreude der Japaner weiter abschwächen. Die von der Bank of Japan durchgeführte Tankan-Umfrage für das dritte Quartal prognostiziert weiter eingetrübte Stimmung bei den japanischen Unternehmen. Die weltweite Konjunkturabkühlung drückt auf die japanische Exportdynamik. Hinzu kommen die dramatischen Entwicklungen an den internationalen Finanzmärkten.

Asien - Entspannung auf der Inflationsseite

In den kommenden Monaten sollten die fallenden Rohstoffpreise für etwas Entspannung auf der Inflationsseite sorgen, wenn auch die Belastungsfaktoren weiter fortbestehen und vorerst zu niedrigeren Wachstumsraten als in den letzten Jahren führen werden. Die Region bleibt dennoch eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

Panik beherrscht die Aktienmärkte

Die Aktienmärkte sind von der Angst vor weiteren Ausfällen im Finanzsystem geprägt, und Investoren müssen sich auch für die kommenden Monate auf eine enorm hohe Volatilität einstellen.

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Volatilitätsindex VIX (Quelle: Bloomberg)

Der Volatilitätsindex VIX hat stark angezogen und ist mittlerweile auf einem Niveau, das normalerweise in Talsohlen zyklischer Bärmärkte erreicht wird. Die größten Unsicherheiten betreffen die nahe Zukunft. Präsident Bush hat bereits die Entwicklung weiterer Strategien zur Stützung des Finanzsystems angekündigt und die Verabschiedung eines neuen Rettungsplans könnte den Weg für eine Erholung an den Aktienmärkten ebnen. Für eine nachhaltige Erholung müssen erst die Bankbilanzen bereinigt werden - und das dürfte noch einige Zeit dauern.

Bewertungen stützen

Die großen Bankenpleiten werden auch in den nicht betroffenen Sektoren der Wirtschaft Spuren hinterlassen. Das Momentum der Analysten-Gewinnrevisionen hat sich im letzten Quartal nochmals verschlechtert. Lediglich die Regionen EMEA (Emerging Europe, Middle East and Africa) und Lateinamerika weisen eine positive Dynamik der Gewinnprognosen auf. Laut Thomson Financial wird aktuell für die Eurostoxx 50 Unternehmen ein Gewinnanstieg von -1.5 Prozent in diesem und 11,8 Prozent im nächsten Jahr erwartet. Damit beträgt das KGV für 2009 etwa 9 und befindet sich auf dem tiefsten Niveau seit 17 Jahren. Für den S&P500 liegen die Schätzungen für das Gewinnwachstum bei 0,9 Prozent für 2008 und bei 23,9 für 2009. Vermutlich werden sich diese Prognosen nach wie vor als zu optimistisch erweisen, aber selbst im Fall weiterer Abwärtsrevisionen bleibt die Bewertung unterstützend.

Starke Ausrichtung auf defensive Veranlagungen

Im aktuellen Marktumfeld ist es vor allem wichtig, weiter diszipliniert vorzugehen und die Veranlagungen breit zu streuen. Durch die angehobene Hedgefondsquote erhöhen wir den Anteil an unkorrelierten Renditen. Wir halten an der Untergewichtung der Aktien im Vergleich zu den Anleihen fest.

Innerhalb des Aktienbereichs sollten US-Aktien europäische Titel mittelfristig outperformen. Die Wirtschaft Eurolands leidet unter den Nachwehen der starken Währung in den vergangenen Monaten. Zusätzlich hat die EZB nach wie vor als wichtigstes Ziel die Wahrung der Preisstabilität und dürfte den Leitzins vorerst unverändert bei 4,25 Prozent belassen. Die europäischen Aktienmärkte müssen somit weiterhin mit einer restriktiven Geldpolitik zurechtkommen. Versus US-Aktien haben wir Euroland-Aktien untergewichtet.

Japanische Aktien halten wir ebenfalls weiter untergewichtet. Eine Neuausrichtung betrifft die Emerging Markets. Ungeachtet der nach wie vor günstigen Fundamentaldaten leidet die Performance der Schwellenländer-Aktien besonders unter der Finanzkrise. Folglich haben wir Asien reduziert und den Mittleren Osten, Afrika und Lateinamerika in unsere Asset Allocation vorest nicht mehr inkludiert.

Rohstoffe bleiben untergewichtet

Im dritten Quartal hat der Rohstoffmarkt in allen Sektoren außergewöhnlich stark nachgegeben. Der DJ-AIG TR Index ist seit Anfang Juli um 28 Prozent gefallen. Vor dem Hintergrund der Angst vor einem weltweiten Wirtschaftsabschwung konnten sich die Edelmetalle mit einem Minus von 12,6 Prozent noch am besten halten. Rohöl notiert um über 30 Prozent unter dem Hoch von Anfang Juli. Die Ölnachfrage aus den Industrieländern bleibt voraussichtlich auch in den kommenden Quartalen rückläufig und auch die Nachfrage aus den Emerging Markets schwächt sich ab. Unterstützung kommt vom knappen Angebot der Nicht-OPEC Staaten, ansonsten gibt es aber wenige Anhaltspunkte für einen nachhaltigen Anstieg der Notierungen.

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Performance der Dow Jones AIG Rohstoffindizes im 3. Quartal (Quelle: Bloomberg)

Zwar waren die Verluste an den Rohstoffmärkten in den letzten Wochen panikgetrieben und fundamental nicht begründet, für eine Fortsetzung der Rohstoffrallye und Kurssteigerungen im Ausmaß der letzten Jahre ist aber unseres Erachtens eine nachhaltige Verbesserung des globalen Wachstumsausblicks notwendig.

Rentenmärkte zwischen Panik und Hoffnung - mit gutem Ausblick

Die großen Themen des zweiten Quartals, Inflation und Bankenkrise, bleiben auch im dritten Quartal die wichtigsten Treiber der Rentenmärkte - doch diesmal mit gänzlich anderen Gewichtungen und Vorzeichen.

Die Inflationsbefürchtungen scheinen sich - wie von uns erwartet - nach und nach in Luft aufzulösen und damit wird mittelfristig für die EZB der Spielraum für Zinssenkungen gegeben sein. Die EZB selbst bezeichnet Erwartungen einer baldigen Zinssenkung als übertrieben, gleichzeitig wird auf eine Erholung der Volkswirtschaften im vierten Quartal gepocht. Diese Hoffnungen könnten sich als falsch herausstellen. Das schwächere Wirtschaftswachstum der Euro-Zone in Verbindung mit dem schwächeren globalen Wachstum und dem damit einhergehenden Rückgang der Rohstoffpreise kann mittelfristig die Inflation weiter nach unten drücken und so die Haltung der EZB bis Jahresende ändern. Für das Jahr 2009 erwarten wir einen deutlichen Rückgang des Leitzinses.

Das erwartete schwächere Wachstum der globalen Wirtschaft hängt direkt mit dem zweiten großen Thema dieser Wochen zusammen, den Problemen der Banken. Ohne Übertreibung lässt sich die aktuelle Situation als die größte Bankenkrise seit der großen Depression der Zwischenkriegszeit bezeichnen. Während damals allerdings eine österreichische Bank im Zentrum der Krise (zumindest des europäischen Teils) stand, können heute die österreichischen Banken von ihrem Engagement in Osteuropa profitieren. Der aktuelle Stand ist, dass das 700 Milliarden schwere Rettungspaket der US-Regierung Linderung bringt und von Seiten der US-Banken mit einem Verlust von vielen Freiheiten bezahlt wird. Ein Scheitern der Verhandlungen ist schon durch die düsteren Ankündigungen eines Totalzusammenbruchs ausgeschlossen. Die Ankündigungen würden sich als selbst erfüllende Prophezeiungen erweisen. Aus heutiger Sicht ist das Paket dazu geeignet, die Situation zu beruhigen. Diese Beruhigung wird aber nicht sofort geschehen und bis dahin werden noch einige große und kleine Institute von der Einlagensicherung aufgefangen werden müssen.

Wer glaubte, die Krise würde Europa weniger treffen, und wer - wie der deutsche Finanzminister Steinbrück - mit Häme auf die Situation in den USA reagierte, könnte noch böse überrascht werden. Der schnelle Eingriff der drei Benelux-Staaten beim drohenden Kollaps der Fortis-Bank hat ein Aufatmen bei den europäischen Banken ausgelöst, das in der allgemeinen Panik-Stimmung fast untergegangen ist. Es wird nicht die letzte Aktion dieser Art gewesen sein und noch weniger ist garantiert, dass jede europäische Bank aufgefangen wird. Es stehen noch schwierige Monate bevor und dies ist nicht die Zeit, allzu viel Geld bei ausgerechnet der Bank anzulegen, die die meisten Zinsen bezahlt. Damit könnte man zur falschen Zeit wegen Bruchteilen von Prozenten sein Geld riskieren.

Auch wenn es stimmt, dass die Finanzwelt nach dieser Krise nicht mehr dieselbe ist und dass die Auswirkungen auf die globale Wirtschaft noch kaum abzuschätzen sind - qualitativ gut aufgestellte Investoren können trotzdem einigermaßen ruhig schlafen. In Zeiten wie diesen macht sich ein gut diversifiziertes Investmentportfolio bezahlt. Wer jetzt nicht panikartig seine Anleihen verkaufen muss, weil er doch zu viel Risiko in einzelnen Titeln gekauft hat, wird längerfristig von den gestiegenen Risikoaufschlägen profitieren können. Wenn sich der Nebel gelichtet hat, werden sich viele der Finanzmarktteilnehmer, Bankangestellte und Investoren, die Wunden lecken und vieles in neuem Licht sehen. Doch jene, die vorsichtig genug waren, langfristig dachten und breit streuten, werden in dieser neuen Welt schnell wieder positive Renditen machen.

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