Sibirische Kälte an russischen Aktienmärkten
Die jüngsten Geschehnisse an den russischen Finanzmärkten zeigen, dass
Russland noch immer einige Besonderheiten aufweist. Noch Mitte des zweiten
Quartals des Jahres 2008 stellte der russische Aktienmarkt ein neues
Allzeithoch auf. Und das zu einer Zeit, in der sich die globalen
Aktienmärkte schon seit knapp einem Jahr auf Talfahrt befanden. Allerdings
war der Kursverfall seit Mitte Mai dieses Jahres dramatisch: Vom Hoch Mitte
Mai bis zum vorläufigen Tief Mitte September verlor der russische
Aktienmarkt über 50 Prozent.
Damit notierte Russland Mitte September auf dem tiefsten Stand seit drei
Jahren - auf einem Indexniveau, das man noch vor ein paar Monaten für
unmöglich gehalten hätte. Die Ursachenforschung geht einerseits in Richtung
des politischen Risikos und des fallenden Ölpreises, andererseits müssen
aber auch einige markttechnische Gegebenheiten berücksichtigt werden. Vor
allem letztere waren hauptverantwortlich für den beschleunigten Kursverfall
in der ersten Septemberhälfte.
Man muss sich bei der Analyse der gegenwärtigen Situation des russischen
Aktienmarktes vor Augen halten, dass Russland bis vor kurzem innerhalb der
Emerging Markets eine der beliebtesten und damit eine der am stärksten
gewichteten Investmentregionen überhaupt war. Der hohe Ölpreis, gepaart mit
hohen Wirtschaftswachstumsraten, versprach solide Renditen für Anleger. Mit
dem plötzlichen Rückgang des Ölpreises - immerhin ist er von 145 US-Dollar
je Fass Mitte Juli dieses Jahres auf knapp über 90 US-Dollar nur zwei Monate
später gesunken - ist einer der wesentlichen Wachstumstreiber weggefallen.
Russland, dessen Staatseinnahmen zu über 30 Prozent in irgendeiner Form vom
Öl abhängen, ist hier besonders anfällig. Allerdings ist der fallende
Ölpreis nur einer von vielen Auslösern. Das zeitliche Zusammenfallen mit dem
Kaukasus-Konflikt und das darauf folgende Säbelrasseln gegenüber der NATO
waren in diesem Umfeld doppelt belastend.
Dabei wird oft übersehen, dass internationale Investoren schon im Vorfeld
des Kaukasus-Konflikts in großem Stil Kapital aus Russland abgezogen haben.
Der Rückgang beim Ölpreis einerseits und Reminiszenzen an die Yukos-Affäre
andererseits haben internationale Investoren vertrieben. Ein mit hohen
Inflationsraten kämpfender Wladimir Putin hat Ende Juli in sehr scharfem Ton
die heimische Kohle- und Stahlindustrie vor Maßnahmen und verschärften
Kontrollen gewarnt und dabei einen Mehrheitseigentümer persönlich
attackiert. Viele Investoren fühlten sich an die Yukos-Affäre erinnert und
befürchteten einen stärkeren Eingriff des Kremls in die Wirtschaft. Die
Risikoprämien schossen nach oben und die Aktien damit nach unten. Das
politische Risiko ist in Russland nicht nur ein außenpolitisches, sondern
vielmehr ein innenpolitisches Risiko.
Doch damit nicht genug: Vor allem lokale Investmenthäuser waren zu lange auf
Kredit im russischen Markt engagiert. Der Abzug ausländischen Kapitals
führte nicht nur zu einem Rückgang bei den Aktienkursen, sondern auch zu
einem Anstieg bei Interbankensätzen, da der Vertrauensverlust der Banken
untereinander enorm gestiegen ist. Der unerwartet hohe Bedarf an Liquidität
wurde auch durch die drastische Zunahme an Margin Calls verschärft.
Investoren, die noch wenige Monate zuvor auf Pump investiert hatten, mussten
nun in dem fallenden Marktumfeld Liquidität beschaffen und ihre Holdings
verkaufen. Der technisch bedingte hohe Bedarf an Liquidität einerseits und
die stark ansteigende Risikoprämie andererseits haben in einem Umfeld
fallender Ölpreise den starken Kursrutsch an der russischen Börse ausgelöst.
Trotz des enormen Preisverfalls ist die Krise am russischen Markt dennoch
nicht mit der Krise im Jahr 1998 vergleichbar. Russland hat mittlerweile die
drittgrößten Währungsreserven der Welt angehäuft; das Land verfügt über
einen Budget- und Leistungsbilanzüberschuss und steht damit deutlich besser
da, als noch vor zehn Jahren. Damals hatte Russland unter Präsident Jelzin
nur einen Bruchteil der Währungsreserven zur Verfügung und der Ölpreis war
vorübergehend sogar unter die 10 US-Dollar-Marke gefallen. So hat der Rubel
zwar gegenüber dem US-Dollar von Mitte Juli bis Mitte September über 10
Prozent an Wert eingebüßt, dasselbe Schicksal ereilte allerdings auch den
Euro, der in diesem Zeitraum sogar noch mehr gegenüber dem US-Dollar
verloren hatte.
Grafik:
RTX in US$ (Quelle: Bloomberg: 30.09.2008)
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