Gutmann Investment Mail Oktober 2008

Sibirische Kälte an russischen Aktienmärkten

Die jüngsten Geschehnisse an den russischen Finanzmärkten zeigen, dass Russland noch immer einige Besonderheiten aufweist. Noch Mitte des zweiten Quartals des Jahres 2008 stellte der russische Aktienmarkt ein neues Allzeithoch auf. Und das zu einer Zeit, in der sich die globalen Aktienmärkte schon seit knapp einem Jahr auf Talfahrt befanden. Allerdings war der Kursverfall seit Mitte Mai dieses Jahres dramatisch: Vom Hoch Mitte Mai bis zum vorläufigen Tief Mitte September verlor der russische Aktienmarkt über 50 Prozent.

Damit notierte Russland Mitte September auf dem tiefsten Stand seit drei Jahren - auf einem Indexniveau, das man noch vor ein paar Monaten für unmöglich gehalten hätte. Die Ursachenforschung geht einerseits in Richtung des politischen Risikos und des fallenden Ölpreises, andererseits müssen aber auch einige markttechnische Gegebenheiten berücksichtigt werden. Vor allem letztere waren hauptverantwortlich für den beschleunigten Kursverfall in der ersten Septemberhälfte.

Man muss sich bei der Analyse der gegenwärtigen Situation des russischen Aktienmarktes vor Augen halten, dass Russland bis vor kurzem innerhalb der Emerging Markets eine der beliebtesten und damit eine der am stärksten gewichteten Investmentregionen überhaupt war. Der hohe Ölpreis, gepaart mit hohen Wirtschaftswachstumsraten, versprach solide Renditen für Anleger. Mit dem plötzlichen Rückgang des Ölpreises - immerhin ist er von 145 US-Dollar je Fass Mitte Juli dieses Jahres auf knapp über 90 US-Dollar nur zwei Monate später gesunken - ist einer der wesentlichen Wachstumstreiber weggefallen. Russland, dessen Staatseinnahmen zu über 30 Prozent in irgendeiner Form vom Öl abhängen, ist hier besonders anfällig. Allerdings ist der fallende Ölpreis nur einer von vielen Auslösern. Das zeitliche Zusammenfallen mit dem Kaukasus-Konflikt und das darauf folgende Säbelrasseln gegenüber der NATO waren in diesem Umfeld doppelt belastend.

Dabei wird oft übersehen, dass internationale Investoren schon im Vorfeld des Kaukasus-Konflikts in großem Stil Kapital aus Russland abgezogen haben. Der Rückgang beim Ölpreis einerseits und Reminiszenzen an die Yukos-Affäre andererseits haben internationale Investoren vertrieben. Ein mit hohen Inflationsraten kämpfender Wladimir Putin hat Ende Juli in sehr scharfem Ton die heimische Kohle- und Stahlindustrie vor Maßnahmen und verschärften Kontrollen gewarnt und dabei einen Mehrheitseigentümer persönlich attackiert. Viele Investoren fühlten sich an die Yukos-Affäre erinnert und befürchteten einen stärkeren Eingriff des Kremls in die Wirtschaft. Die Risikoprämien schossen nach oben und die Aktien damit nach unten. Das politische Risiko ist in Russland nicht nur ein außenpolitisches, sondern vielmehr ein innenpolitisches Risiko.

Doch damit nicht genug: Vor allem lokale Investmenthäuser waren zu lange auf Kredit im russischen Markt engagiert. Der Abzug ausländischen Kapitals führte nicht nur zu einem Rückgang bei den Aktienkursen, sondern auch zu einem Anstieg bei Interbankensätzen, da der Vertrauensverlust der Banken untereinander enorm gestiegen ist. Der unerwartet hohe Bedarf an Liquidität wurde auch durch die drastische Zunahme an Margin Calls verschärft. Investoren, die noch wenige Monate zuvor auf Pump investiert hatten, mussten nun in dem fallenden Marktumfeld Liquidität beschaffen und ihre Holdings verkaufen. Der technisch bedingte hohe Bedarf an Liquidität einerseits und die stark ansteigende Risikoprämie andererseits haben in einem Umfeld fallender Ölpreise den starken Kursrutsch an der russischen Börse ausgelöst.

Trotz des enormen Preisverfalls ist die Krise am russischen Markt dennoch nicht mit der Krise im Jahr 1998 vergleichbar. Russland hat mittlerweile die drittgrößten Währungsreserven der Welt angehäuft; das Land verfügt über einen Budget- und Leistungsbilanzüberschuss und steht damit deutlich besser da, als noch vor zehn Jahren. Damals hatte Russland unter Präsident Jelzin nur einen Bruchteil der Währungsreserven zur Verfügung und der Ölpreis war vorübergehend sogar unter die 10 US-Dollar-Marke gefallen. So hat der Rubel zwar gegenüber dem US-Dollar von Mitte Juli bis Mitte September über 10 Prozent an Wert eingebüßt, dasselbe Schicksal ereilte allerdings auch den Euro, der in diesem Zeitraum sogar noch mehr gegenüber dem US-Dollar verloren hatte.

Grafik:
RTX in US$ (Quelle: Bloomberg: 30.09.2008)

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