Gutmann Portfolio Management Report 2. Quartal 2008

Kurz gefasst



Rückblick 2. Quartal 2008

Inflationsrisiken beherrschten die Märkte und die Zentralbanken

Bis Mitte Mai überwogen die positiven Nachrichten zur Wirtschaft, und die Aktienmärkte konnten sich deutlich von ihren Jahrestiefständen in März erholen. Die Tatsache, dass die von vielen Analysten erwartete Rezession in den USA von den realen Konjunkturdaten nicht bestätigt wurde, sorgte für eine höhere Risikobereitschaft der Anleger. Der Einstieg in das Jahr 2008 fiel mit einem Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts mit einer laufenden Jahresrate von 1,0 Prozent unerwartet kräftig aus. Auch im Euroraum präsentierte sich das Wirtschaftswachstum mit 0,7 Prozent zum Vorquartal robust.

Ende Juni erreichte der Ölpreis mit über 140 USD je Barrel einen neuen Höchststand und hat sich damit in den letzten 12 Monaten verdoppelt. Stark anziehende Inflationserwartungen und der unerwartete Kurswechsel der EZB Anfang Juni unterbrachen den Erholungskurs der Aktienmärkte. Neben der EZB und der Fed schlugen auch die großen Notenbanken in Asien sowie in Mittel- und Osteuropa Anti-Inflationstöne an, was die Konjunkturrisiken weltweit erhöhte. Während die europäischen und die US-Indizes in den letzten Wochen die vorangegangenen Gewinne wieder abgeben mussten, profitierte der japanische Aktienmarkt von den verbesserten konjunkturellen Rahmen-bedingungen und den attraktiven Bewertungen.

Die Äußerungen der Zentralbanken zu möglichen Zinserhöhungen führte beim EUR/USD-Kurs zu heftigen Schwankungen. Nach den heftigen Verlusten im Februar und im März schloss der USD das zweite Quartal aber beinahe unverändert mit 1,5736 EUR. Auch für die meisten Rentenmanager war die Ankündigung der EZB, im Juni die Zinsen zu erhöhen, ein Schock, die Staatsanleihen rutschten ins negative Terrain.

Ausblick - Positionierung

USA - Rezession eher unwahrscheinlich

Die angelaufenen Steuerrückerstattungen werden dem privaten Verbrauch auch im dritten Quartal Schwung verleihen. Angesichts der steigenden Lebensmittel- und Energiekosten dürften sich die Konsumausgaben der privaten Haushalte danach wieder abschwächen. Auch der Rückgang der Immobilienpreise wird sich bis ins Jahr 2009 fortsetzen. Stabilisierend werden hingegen der Außenhandel und die Staatsnachfrage wirken. Der wirtschaftliche Abschwung dürfte zwar weniger stark, dafür aber von längerer Dauer sein als allgemein erwartet. Das Institut für Weltwirtschaft korrigierte die Prognose für den Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts leicht nach unten – auf eine Rate von 1,4 Prozent für das Jahr 2008 und auf 1,8 Prozent für 2009. Das langsamere Wachstum in den USA, in Europa und auch in den Emerging Markets wird den Preisdruck an den Rohstoffmärkten abschwächen. In den USA sind es vorwiegend die Rohstoffpreise, die inflationär wirken. Der Arbeitsmarkt zeigt deutliche Schwächen, sodass Lohnsteigerungen nicht zu erwarten sind. Wir rechnen damit, dass die Headline Inflation zunächst um die 4 Prozent bleibt, zum Jahresende aber wieder deutlich Richtung 2 Prozent zurückgeht.

Grafik: Inflationserwartungen der US Verbraucher und an den US Rentenmärkten (Quelle: Bloomberg / Gutmann KAG)

Euroraum - Wachstumsausblick deutlich eingetrübt

Die aktuellen Indikatoren deuten auf eine unterschiedliche Entwicklung der großen Volkswirtschaften hin. Während Länder wie Italien und Spanien unter einer ausgeprägten Wachstumsschwäche leiden, dürfte Deutschland auch im weiteren Jahresverlauf von der Besserung am Arbeitsmarkt profitieren. Konjunkturdämpfend wirken im gesamten Euroraum die Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen, die Aufwertung des Euro sowie der Kaufkraftentzug durch die hohen Rohstoffpreise. Die Inflation dürfte in nächster Zeit hoch bleiben. Der enge Arbeitsmarkt und die Inflationserwartungen der Konsumenten sorgen für höhere Lohnabschlüsse. Auch die Geldmenge und der private Kreditmarkt wirken zur Zeit inflationär. Gegen Jahresende wird die Gesamtinflation aber auch im Euroraum deutlich zurückgehen und sich im Verlauf von 2009 wieder dem Zielkorridor der EZB annähern. Diese erwartet ein reales BIP-Wachstum von 1,8 Prozent in diesem und 1,5 Prozent im nächsten Jahr, bei einer durchschnittlichen Gesamtinflation von 3,4 Prozent bzw. 2,4 Prozent.

Japan - Schwäche geringer als erwartet


Das Wirtschaftswachstum in Japan hielt sich trotz des Rückgangs einiger wichtiger Indikatoren im ersten Quartal unerwartet stark. Analysten erwarten nun einen Rückgang. Dieser könnte jedoch, für das Gesamtjahr 2008 gerechnet, moderater als in anderen Volkswirtschaften ausfallen. Die Inflation ist zuletzt deutlich angestiegen und erreicht nun auch exklusive Energie und Lebensmittel positive Werte, da die gestiegenen Rohstoffpreise von den Unternehmen weitergegeben werden. Wir gehen davon aus, dass dies mittelfristig zu einer Anhebung der Zinsen führen wird und der japanische Konsument, der aufgrund der lange Zeit vorherrschenden Deflation seine Kaufentscheidungen zurückgehalten hat, dadurch mittel- bzw. langfristig zum Kauf animiert wird. Auf kurze Sicht werden jedoch schwächere Konsumausgaben zu verzeichnen sein.

Asien - Inflation drückt auf die Stimmung

Nach der Aufwärtsbewegung, die wir zuletzt in den Märkten gesehen haben, werden nun wieder die Tiefststände getestet. Asien trifft es hierbei stärker als andere Märkte. Abgesehen von der Verlangsamung des globalen wirtschaftlichen Wachstums leiden die asiatischen Volkswirtschaften besonders unter dem Anstieg der Inflation. Lebensmittel machen bis zu 50 Prozent des Konsumentenpreisindex aus und der besonders starke Anstieg der Nahrungsmittelpreise führt zu einem Rückgang der Stimmung unter den Konsumenten. Der hohe Ölpreis wurde bisher durch Zahlungen der lokalen Regierungen subventioniert. Diese Unterstützungen werden nun reduziert, wodurch ein Rückgang der Nachfrage zu erwarten ist.

Kein drastischer Einbruch der Unternehmensgewinne


Die Finanzkrise und das nachlassende Konjunkturtempo manifestieren sich auch weiterhin in reduzierten Gewinnerwartungen für die Unternehmen, das Momentum der Abwärtsrevisionen beginnt aber nachzulassen. Dem vorausgegangen ist eine unerwartet erfreuliche Berichts-saison für das erste Quartal, bei der die Unternehmen außerhalb des Finanzsektors positiv überraschten. Die KGVs bewegen sich im historischen Vergleich weiter am unteren Ende ihrer Bandbreiten. Die Wachstumsschätzungen liegen aber vor allem für das Jahr 2009 noch immer auf unrealistisch hohem Niveau, und im Jahresverlauf muss mit weiteren Abwärtsrevisionen gerechnet werden.

Grafik: IBES Gewinnschätzungen (Quelle: Thomson Financial)

Im Zuge einer allgemeinen Risikoreduktion haben wir unsere Positionen in den Alternative Investments zulasten des Anleihe- und des Aktiensegments verstärkt, hier hat sich die geringe Korrelation durchaus bewährt.

Bei den Akienmärkten halten wir an der Übergewichtung der Emerging Markets fest, haben den Schwerpunkt allerdings von China in die Regionen Osteuropa und MENA (Mittlerer Osten und Nordafrika) gelegt. Attraktive Bewertungen bei ähnlichem Wachstumspotential sprechen dafür.

Aufgrund der geldpolitischen Rahmenbedingungen haben sich die Wachstumsaussichten in den USA im Vergleich zu Europa verbessert, obwohl der kurzfristige Ausblick für Europa weniger besorgniserregend ist. Unsere untergewichteten Positionen in den USA und in Europa behalten wir bei. Auch in Japan bleiben wir untergewichtet, wenn auch in reduziertem Ausmaß. Die Region profitiert derzeit von der Lockerung der geldpolitischen Zügel.

Die Aktiengewichtung insgesamt ist vorerst weiter am unteren Ende unserer Bandbreiten. Im Gegensatz zum Einbruch der Aktienmärkte im Jahr 2001 ist die aktuelle Schwäche aber nicht durch einen Einbruch der Unternehmensgewinne gekennzeichnet; bei Ausbleiben weiterer negativer Meldungen aus dem Finanzsektor besitzen die Aktienkurse starkes Aufwärtspotential. Auch eine Stabilisierung der Rohstoffpreise könnte der Auslöser für einen nachhaltigen Kursanstieg am Aktienmarkt sein. Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise sind aber nach wie vor schwer abzuschätzen, kurzfristig erscheint eine weitere Welle von Abwärtsrevisionen wahrscheinlich.

Öl - Verlangsamung des Nachfrageanstiegs

Der Nachfrageanstieg, das knappere Angebot und die geopolitischen Risiken rechtfertigen einen starken Preisanstieg am Rohölmarkt. Angesichts der jüngsten Entwicklung stellt sich aber die Frage, wie sehr der Markt schon überhitzt ist. In den letzten Wochen und Monaten erreichte der Ölpreis immer neue Rekordniveaus, allein im zweiten Quartal legte die Notierung für WTI um 40 Prozent zu. Dabei scheint der Markt die letzten fundamentalen Entwicklungen zu ignorieren. China erhöhte die staatlich kontrollierten Treibstoffpreise drastisch, und auch andere asiatische Staaten kürzten die Subventionen. Zusammen mit dem Nachlassen der weltwirtschaftlichen Dynamik dürfte dies zu einer Verlangsamung des Nachfrageanstiegs bei Rohöl führen. Die Internationale Energie Agentur hat ihre weltweiten Nachfrageprognosen für das laufende Jahr bereits mehrmals nach unten korrigiert. Angesichts der aktuellen Überhitzung haben die Spekulanten ihr Exposure abgebaut und sind so geringfügig netto-long positioniert wie seit Februar 2007 nicht mehr. Selbst wenn keine rasche und nachhaltige Korrektur eintritt und hohe Rohölnotierungen ein langfristiger Trend sein sollten, wird sich die Dynamik am Rohölmarkt abschwächen.

Positiver Ausblick für die Rentenmärkte

Das letzte Quartal war für die Rentenmärkte turbulent - und die Europäische Zentralbank ist nicht ganz unschuldig daran. Als Jean-Claude Trichet im Juni eine Zinserhöhung für Juli ankündigte, hätten einige Argumente auch für einen gegenteiligen Schritt gesprochen: Die Probleme der Banken sind nach wie vor nicht zur Gänze gelöst, wie man in den letzten Wochen sehr deutlich bemerken konnte. Der Immobilienmarkt in Spanien und Irland hat deutliche Schwächen. Die Wirtschaftsdaten aus Italien zeigen einen klaren Abwärtstrend, und nicht zuletzt hat die EZB selbst die Wachstumsprognosen für den gesamten Euroraum zurückgenommen. Doch die EZB hat sich der Preisstabilität verschrieben und damit war eine Zinssenkung ausgeschlossen. Die Anleihenmärkte haben nach diesem Schritt mehr als eine Zinserhöhung eingepreist, und nachdem sich die Risikoaufschläge der Länder mit schlechter Bonität auch erhöhten, erreichten die Renditen für italienische Staatsanleihen bis 2011 zeitweise bis 5 Prozent. Die Frage für das nächste Quartal ist nun: Sind diese Entwicklungen im Hinblick auf die gesamtwirtschaftliche Situation gerechtfertigt?

Wahrscheinlich nicht zur Gänze. Die Chance, dass die EZB den nächsten Zinsschritt bis Jahresende wieder zurücknimmt, ist gegeben. Die EZB hat mit einem kleinen Schritt (Erhöhung um 0,25 Prozent im Juli) eigentlich schon mit der Ankündigung ihre eigenen Erwartungen übertroffen und die Zinskurve deutlich gedreht. Die von der EZB befürchtete Umwälzung der Inflation von Rohstoffen und Nahrungsmitteln zu Dienstleistungen ist bis jetzt noch nicht eingetroffen.

Insgesamt ergibt das für das dritte Quartal einen positiven Ausblick für die Rentenmärkte. Vorsicht ist immer noch bei High Yields und Unternehmensanleihen geboten: Bereits im dritten Quartal könnte es zu ersten Ausfällen bei wenig sicheren Unternehmen kommen.

SEE

Die nächste Konvergenzwelle
Investieren in Südosteuropa

Die EU-Erweiterung ist noch lange nicht abgeschlossen. Und auch wenn die EU intern - wie das jüngste Referendum in Irland gezeigt hat - einiges zu tun hat, das Projekt „Erweiterung“ steht außer Frage. Die jüngste Beitrittswelle hat gezeigt, zu welchen Anstrengungen die Kandidaten fähig sind und welche Auswirkungen das auf die Strukturen der betreffenden Volkswirtschaften haben kann. Doch schon im Vorfeld des eigentlichen Beitritts entweder zur EU oder später sogar zum EURO gibt es Veränderungen - sei es durch die Bindung der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen an bestimmte Auflagen, sei es durch Unterzeichnung des Stabilitäts- und Assoziierungsabkommens. Letzteres kann als Prozess gedeutet werden, die Integration dieser Länder durch partnerschaftliche Beziehungen zu beschleunigen, mit dem Ziel einer Stabilisierung der Region durch baldige Einrichtung einer Freihandelszone mit der EU. Dies wird nicht nur durch ein vertragliches Rahmenwerk gefördert, sondern auch durch wirtschaftliche Maßnahmen wie z.B. besondere Handelserleichterungen und Finanzinstrumente, die dabei helfen sollen, demokratische Institutionen zu stärken und die Übernahme des Besitzstandes zu gewährleisten.

Aber es ist nicht nur die "Hilfe" von außen, die diese Region so interessant macht. Es sind vielmehr die mit zunehmender Integration einhergehenden Veränderungen innerhalb der betreffenden Volkswirtschaften. Diese Änderungen sind erkennbar, nämlich einerseits an der Bedeutsamkeit der verschiedenen Wachstumstreiber der Volkswirtschaft und andererseits am Verhalten der Marktteilnehmer in diesen Märkten. So lassen sich, den letzten Punkt betreffend, am Beispiel der Beitrittswelle der zentral- und osteuropäischen Länder im Mai 2004 und den Jahren unmittelbar davor ganz klar einige Veränderungen ablesen. Dass die Aktienmärkte Zentral- und Osteuropas schon einige Jahre zuvor deutlich gestiegen sind, ist kein Geheimnis. Weniger bekannt ist, dass die betreffenden Währungen etwa zur selben Zeit begonnen haben, gegen Weltwährungen wie den USD oder EUR massiv aufzuwerten. Zur gleichen Zeit ist aber auch die Volatilität - also das eingepreiste Risiko - in diesen Märkten unmittelbar vor dem Beitritt zurückgegangen. Dieser Umstand zeigt auch die geänderte Qualität dieser Märkte und die zunehmende Bereitschaft der Investoren, Geld in Zentral- und Osteuropa anzulegen.

Grafik: CEE Währungen gegen USD (Quelle: Bloomberg)

Nun steht Südosteuropa als nächstes großes Erweiterungsprojekt vor der Tür. Kroatien, die Türkei und Mazedonien sind bereits Kandidaten für die EU-Mitgliedschaft. Bei Kroatien könnten die Beitrittsverhandlungen bereits 2009 abgeschlossen sein, sodass das Land 2010 in den Kreis der EU-Staaten aufgenommen werden dürfte. Staaten wie Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Serbien haben zum Teil erst kürzlich ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen unterzeichnet. Mazedonien hat sogar schon seit 2005 Kandidatenstatus, Verhandlungen wurden allerdings noch nicht begonnen.

Diese Staaten sind durchaus mit einigen osteuropäischen Staaten vor fünf bis zehn Jahren vergleichbar. Der private Konsum wird an Bedeutung gewinnen, da private Verschuldung in diesen Ländern fast nicht existent ist. Im Schnitt ist jeder EU-Bürger rund sechs- bis zehnmal so stark verschuldet (und zwar als Relation zum BIP) wie die Bürgerinnen und Bürger Südosteuropas. In einigen Ländern (Rumänien) liegt der Anteil der privaten Verschuldung am BIP bei rund 10 Prozent, in der EU ist er weit über 100 Prozent. Kreditfinanzierter Konsum wird also schon bald die Struktur dieser Volkswirtschaften ändern. Ein Investment gemäß diesem Grundgedanken erscheint aus heutiger Sicht überaus sinnvoll. Die damit einhergehenden Risiken dürfen aber nicht vernachlässigt werden. Politische oder marktbezogene Risiken, aber auch strukturelle Schwächen der betreffenden Volkswirtschaften gilt es in jedem Fall im Auge zu behalten.

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