Gutmann Investment Mail Juni 2008

Inflation 2008: Fundamentaler Wandel oder abgegrenztes Zwischenhoch?


Die vergangenen zehn Jahre waren eine Periode außergewöhnlich niedriger Inflationsraten. Neben dem mäßigen Wirtschaftswachstum in Europa und den Entwicklungen an den Aktienmärkten nach 2000 ist der dafür wahrscheinlich wesentlichste Grund die zunehmend globale Arbeitsteilung in Produktionsprozessen - meist mit dem Begriff Globalisierung bezeichnet. Die übergeordnete deflationäre Wirkung der Globalisierung dürfte auch noch sehr lange anhalten. Unser Research-Partner Woody Brock, ein US-amerikanischer Trendforscher, der unter anderem als Berater des Weißen Hauses fungiert, betont ebenfalls die anhaltend deflationären Effekte von global höherer Produktivität und moderaten Steigerungen der Lohnstückkosten.

Rohstoffe: Angebotsausweitungen erst mit zeitlicher Verzögerung

Seit mittlerweile mehr als einem Jahr sind wachsende Inflationsraten und besonders der massive Anstieg der Rohstoffpreise ein großes Thema für Investoren, die Europäische Zentralbank und die Konsumenten. Als Quelle dieser Veränderung können im Wesentlichen zwei Faktoren identifiziert werden, die in der allgemeinen Diskussion allzu oft getrennt gesehen werden:

Erstens sind besonders die Preise von Nahrungsmitteln und Energie gestiegenWie GaveKal Research - ein unabhängiges Research- und Analyse-Haus, von dem wir makroökonomische Analysen und Einschätzungen beziehen - betont, trifft dies vor allem die Entwicklungsländer. Aber auch Familien mit geringem Einkommen in Europa spüren die Verteuerungen. Dadurch entsteht zunehmend ein gesellschaftliches Problem, das die Gefahr politischer Krisen mit sich bringt - und das führt zusätzlich zu Preisanstiegen. Gründe für den Anstieg liegen in der erhöhten Nachfrage aus den globalen Wachstumsregionen (mit China als herausragendem Beispiel) und der Verwendung von Nahrungsmitteln als Energielieferant. Die Steigerung des Angebots durch die Nutzung zuvor stillgelegter Ackerflächen und die Erhöhung der Förderung von anderen Rohstoffen ist nur mit zeitlicher Verzögerung möglich. Mit dieser zeitlichen Verschiebung kann aber die Produktion wesentlich gesteigert werden. So ist zum Beispiel nicht die Knappheit der globalen Rohölreserven, sondern ein Engpass bei den Förderkapazitäten das aktuelle Problem. Ebenso kann man am Beispiel der EU sehen, dass schon mit der nächsten Ernteperiode ein großer Teil zuvor stillgelegter Flächen wieder bebaut wird. (Die aktuelle Rohstoffhausse bietet für die EU ein vielleicht einmaliges Fenster für strukturelle Reformen im Agrarbereich.) Auch die Produktivitätsunterschiede in Europa zeigen das große Potenzial von Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft, besonders in Osteuropa. GaveKal erwähnt mehrere Beispiele, wie die Produktion in Asien angekurbelt wird. So begann China, die Schweineproduktion massiv zu fördern und für die größten Produzenten finanzielle Prämien auszuschütten. Malaysia wird mit groß angelegter Reisproduktion in Borneo beginnen, und es wird erwartet, dass Australien die Weizenernte nach Dürreproblemen in den vergangenen Jahren im Jahr 2008 verdoppelt.

Grafik:
Zusammensetzung der Inflation in der Eurozone (Quelle: Ecowin, Gutmann KAG) http://www.gutmann.at/uploads/pics/grafik1_200806.gif

Sowohl Woody Brock als auch GaveKal weisen aber auf die mangelnde Flexibilität des Angebots als Resultat zu großer politischer Einflussnahme (Agrarbereich) und politischer Probleme (Rohöl in den arabischen Staaten) hin. Sobald aber "das Angebot" sowohl im Agrarbereich als auch bei den sonstigen Rohstoffen wie Rohöl, genug Zeit hatte, sich an die höheren Preise anzupassen, sollten weitere massive Preissteigerungen bei Rohstoffen ausbleiben. Wir erwarten also mittelfristig einen leichten Rückgang der Inflationsrate.

USA: moderate Steigerung der Inflationsraten möglich

Zweitens - und das wird deutlich seltener diskutiert - hängt die langfristige Inflationsrate ganz wesentlich vom Wachstum der Geldmenge und damit vom Umgang der Zentralbanken mit der aktuellen Finanzkrise ab. Die Politik der Zentralbanken diesseits und jenseits des Atlantiks ist dabei sehr unterschiedlich:

Die Situation in den USA stellt sich folgendermaßen dar: Ein als sicher geltender Wahlsieg der Demokraten in den kommenden Präsidentschaftswahlen ist mittlerweile einer 50/50 Chance für beide Parteien gewichen. Im Fall eines Sieges von Senator McCain ist mit weiteren sehr teuren Kriegsjahren im Irak zu rechnen. Bei den Demokraten sind große Ausgaben z.B. im Bereich des Gesundheitswesens geplant. Einsparungen sind also von keiner Seite zu erwarten. Wesentlicher für die zukünftige Politik ist aber der Umgang mit der Verschuldung der Haushalte. Bekanntlich ist Inflation ein Weg der Umverteilung: In diesem Fall wird (real) vom Gläubiger zum Schuldner umverteilt. Eine Inflationsrate oberhalb der Durchschnittswerte der letzten zehn Jahre ist also durchaus ein probates Mittel zur Reduktion des Drucks auf die überschuldeten Haushalte. Aus welchem Grund sollte also die Fed Schritte gegen die hohe Inflationsrate unternehmen? Die Gläubiger der US-Haushalte und des Staates sind weltweit Banken, Staaten (China, Japan) und Investoren. Eine höhere Inflation und ein damit einhergehender Wertverlust des USD sind ein Mittel zur Finanzierung von Staatsausgaben und Konsumentenschulden und damit ein Weg zur Erleichterung akuter Probleme der US-Wirtschaft. Also dürfte die Fed weiterhin die Zinsen niedrig halten, große Finanzspritzen an die Banken vergeben und damit die Geldmenge erhöhen, was zu Inflation führt. Die sich dadurch ergebenden Inflationsraten werden aus unserer Sicht nicht die Größenordnungen der 70er und 80er Jahre erreichen, denn ein solches Ausmaß würde das Vertrauen in die Geldpolitik der USA zu sehr untergraben und zukünftige Finanzierung verteuern. Unserer Meinung nach können die Inflationsraten in den USA also durchaus steigen, aber nicht schockierend hoch.

Euro-Zone: Inflationsrate dürfte fallen

Die wirtschaftliche Situation in den Euro-Ländern ist deutlich anders. Der wesentlich geringere Verschuldungsgrad der Haushalte nimmt Druck von den Konsumenten, wenn das Wirtschaftswachstum in Folge der Finanzkrise nachlässt oder in gewissen Regionen (Spanien, Irland) die Immobilienhausse ein Ende nimmt. Die historisch tiefe Arbeitslosigkeit und verbesserte Budgets (Deutschland und Frankreich) nehmen Druck von der EZB, die Zinsen massiv zu senken und damit der Inflation freien Lauf zu lassen. Die EZB hat sich den Schutz vor Inflation auf die Fahnen geheftet und wird dieses Ziel nicht leichtfertig aus den Augen verlieren. Diese strenge Haltung der EZB betreffend die Inflation liegt in der (auch oft betonten) Angst vor Zweitrundeneffekten begründet. Ist die Inflationserwartung in Europa erst dauerhaft erhöht, dann wird sie durch die gewerkschaftlich organisierten Lohnverhandlungen (und politisch durch Pensionserhöhungen) immer weiter verstärkt. Auf die Bankenkrise wird die EZB auch mit einer Unterstützung des Geldmarktes reagieren, eine allzu schnelle Erhöhung der Geldmenge durch die Zinspolitik ist nicht zu erwarten. Durch die Probleme der Banken ist in diesem Fall eher von einem geringeren Wachstum der EUR-Geldmenge auszugehen und daher eine dauerhaft hohe Inflation weniger zu befürchten. Erst wenn das Nachlassen des globalen Wirtschaftswachstums den Inflationsdruck vermindert, wird die EZB wieder auf eine expansive Geldpolitik umschwenken. Aus diesen genannten Gründen sehen wir die Inflationsrate bis Jahresende und für 2009 deutlich unter das aktuelle Niveau fallen.

Die Schlüsse, die wir daraus für unsere Investmentstrategie ziehen, sind folgende: Strukturierte Produkte, die Auszahlungen bei Inflationsraten über einem gewissen Prozentsatz versprechen, sind jedenfalls zu meiden. Ebenso ist ein massiver Einstieg in inflationsgeschützte Anleihen derzeit nicht zu empfehlen. In weiterer Folge hat ein Rückgang der Inflation positive Auswirkungen auf Staatsanleihen mit langer Laufzeit. Daher scheint zu viel Angst vor hoher Duration (Fixkuponanleihen mit langer Laufzeit) aktuell nicht angebracht.

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