Spekulanten schuld an Nahrungsmittelkrise?
Nach den rasanten Preissteigerungen bei Weizen und Mais müssen sich die
Verbraucher nun auch auf höhere Reis-Preise einstellen. Am 23. April 2008
kletterte der an der amerikanischen Terminbörse Chicago Board of Trade
gehandelte Rough Rice Future auf 24,46 USD je 100 Pfund und stieg damit
allein im April um über 24%. In Thailand kostete eine Tonne Reis erstmals
über 1000 USD. Die rasant steigenden Nahrungsmittelpreise führten in den
vergangenen Wochen weltweit zu politischen Unruhen und gewaltsamen
Protesten.
Zu den meist genannten Ursachen für die Preisexplosion bei
Grundnahrungsmitteln zählt die steigende Nachfrage nach Fleisch und
Milchprodukten, hervorgerufen durch den wachsenden Wohlstand in den
Schwellenländern. Bereits auf 30% der genutzen Agrarflächen werden heute
Futtermittel für die Massentierhaltung angebaut. Hinzu kommen die verstärkte
Nutzung von Agrarflächen für den Anbau von Energiepflanzen und Ernteausfälle
in wichtigen Exportländern aufgrund von immer stärkeren Wetterschwankungen.
In letzter Zeit mehren sich vor allem die kritischen Stimmen zum Einstieg
der Finanzinvestoren in den Markt für Agrarrohstoffe. Laut Tiberius Asset
Management sind alleine in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 40
Milliarden USD in die Rohstoffmärkte geflossen. Da Börsenpreise auch
Referenzgrößen für physische Geschäfte sind, beeinflussen sie auch die
Preise von Lebensmitteln. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ernährt
sich mehrheitlich von Reis, und für die Bevölkerung in den
Entwicklungsländern, die schon bisher zwei Drittel ihres Einkommens für
Nahrungsmittel ausgegeben hat, ist die Krise lebensbedrohend.
Grafik: Chicago Board of Trade, tägliches durchschnittliches Volumen des
Handels mit Getreide seit März 2000 (Quelle: Chicago Board of Trade Company)
Der Zustrom von Investmentgeldern hat bei einigen Rohstoffen wie Weizen
sicher einen Einfluss auf die kurzfristige Preisentwicklung. Reis gehört
aber nicht zu den Agrarprodukten, die in großem Stil an den
Warenterminbörsen gehandelt werden. Von den gängigen Rohstoffindizes enthält
nur der Rogers International Commodity Index Reis mit einem Gewicht von
0,5%. Laut einer Statistik von ERS (Economic Research Service) werden nur
6-7% der globalen Reisproduktion überhaupt auf dem Weltmarkt gehandelt.
Zahlreiche Entwicklungsländer schützen ihre Reisbauern durch hohe Zölle, und
wichtige Anbauländer stoppten - um weitere Preisanstiege und
Versorgungsengpässe zu verhindern - in den letzten Wochen die Reisausfuhren.
Der wöchentlich veröffentlichte Commitment of Traders Report der Commodity
Futures Trading Commission beinhaltet die Positionierung der einzelnen
Händlergruppen von über 70 Futures Märkten. Die nachfolgende Grafik zeigt
das Verhältnis der sogenannten Commercials (kommerzielle Händler) zu den
Large und Small Speculators beim Handel mit Reis Futures. Der Anteil der
spekulativen Positionen hat in den letzten drei Jahren nicht zugenommen.
Grafik: US Rough Rice: Verhältnis Spekulanten / Commercials und
Preisentwicklung seit Jänner 2005 (Quelle: Commodity Futures Trading
Commission und Bloomberg)
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