Gutmann Portfolio Management Report 1. Quartal 2008

Rückblick 1. Quartal 2008

Unter dem Einfluss der Immobilienkrise in den USA und der dadurch ausgelösten Probleme an den internationalen Finanzmärkten fand im 4. Quartal 2007 in fast allen Industrieländern ein gebremstes Wirtschaftswachstum statt. Vor allem die Lage der US-Wirtschaft hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert. Im Februar sind sowohl die Einzelhandelsumsätze als auch die Industrieproduktion deutlich gefallen, und am Arbeitsmarkt macht sich die konjunkturelle Abschwächung inzwischen ebenfalls bemerkbar.

Die Investmentbanken mussten weltweit weitere Abschreibungen im Zusammenhang mit der Subprime-Krise vornehmen, und neben den immer schwächeren Konjunkturdaten veranlassten die Sorgen über die Stabilität des Finanzsektors die US-Notenbank im 1. Quartal zu Zinssenkungen von insgesamt 200 Basispunkten. Angesichts der negativen Datenlage brachen die Aktienmärkte im ersten Quartal 2008 ein.

Die Staatsanleihen wurden bis Mitte März durch die Ängste auf den Kapitalmärkten unterstützt, im Zuge der Erholung an den Aktienmärkten gerieten sie aber in gleichem Maße wieder unter Druck.

Während sich der Dollarverfall durch die Subprime-Krise verstärkte - der Euro erreichte Mitte März gegenüber dem USD ein Allzeithoch von 1,5904 - profitierten die sicheren Häfen von der Finanzkrise. Der Ölpreis der Sorte WTI überschritt kurzfristig die Schwelle von 110 USD je Barrel, und der Goldpreis markierte mit über 1003,2 USD einen neuen Höchststand.

Ausblick - Positionierung

USA - noch keine Entspannung

In letzter Zeit mehren sich die Befürchtungen, dass sich die Talfahrt am US-Häusermarkt zur größten Krise seit Anfang der 1930iger Jahre entwickeln könnte. Tatsächlich deuten weiter sinkende Investitionen am Wohnbaumarkt und fallende Hauspreise eher auf eine Verstärkung als auf eine Abschwächung der Rezession am Immobilienmarkt hin, und die Folgen dieser Entwicklung auf die Gesamtwirtschaft dürften bis ins Jahr 2009 anhalten. Der Hauspreisverfall und der schwächere Stellenmarkt werden dämpfende Effekte auf die Konsumnachfrage haben, und auch die Unternehmensinvestitionen werden angesichts der verschlechterten Absatzerwartungen nachlassen. Gemildert wird die Bremswirkung durch die starke Lockerung der Geldpolitik und das Konjunkturpaket der Regierung. Die Auszahlung der Steuernachlässe ab Mai wird den privaten Konsum ankurbeln, und die niedrigen Zinsen werden helfen, eine tiefgreifende Rezession zu vermeiden. Positive Überraschungen könnten sich aus der Stärke der Weltwirtschaft ergeben. Die Konjunkturabkühlung dürfte aber länger andauern als noch Ende 2007 erwartet, und eine Belebung der Wirtschaft sehen wir erst Anfang 2009. Die US-Notenbank hat ihre Wachstumsprognose für 2008 um einen halben Punkt auf 1,3 bis 2,0% zurückgenommen.

Europa - Konsum bleibt schwach

Auch für Europa erwarten wir im laufenden Jahr eine spürbare Abkühlung. Zum einen werden sich die Exporte infolge der Aufwertung des Euro und der nachlassenden Auslandsnachfrage abschwächen, zum anderen dürften die gestiegenen Verbraucherpreise den inländischen Konsum belasten. Infolge der schwächeren Nachfrage werden auch die Unternehmen ihre Investitionen reduzieren. Die Beschäftigung bleibt aber robust, und einen konjunkturellen Einbruch erwarten wir nicht. Die EZB rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum von 1,7% gefolgt von 1,8% im kommenden Jahr.

Japan - Asien

Nachdem Japan unerwartet starke Zahlen zum Wirtschaftswachstum im 4. Quartal 2007 vorlegen konnte, sind die Daten, welche im ersten Quartal dieses Jahres veröffentlicht wurden, nun deutlich zurückgekommen. Und auch weiterhin ist der Ausblick, vor allem aufgrund weiterer Rückgänge des Exportwachstums sowie der schwachen private Nachfrage, stark eingetrübt. Aufgrund des Anstiegs der Inflation in den Bereichen Energie und Lebensmittel gehen wir von keinem starken Anstieg des privaten inländischen Konsums in nächster Zeit aus.

Die Börsen der asiatischen Länder wurden zuletzt stark getroffen, und wir erwarten in der Region auch weiterhin eine erhöhte Volatilität. Dennoch sind wir von der äußerst positiven Entwicklung dieses Emerging Markets-Bereichs weiterhin überzeugt: Auch wenn das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr geringer als 2007 ausfallen wird, ist es doch die sich am besten entwickelnde Region. Getragen wird dies vor allem von der lokalen Nachfrage, die weiterhin zunimmt. Die asiatischen Länder kämpfen derzeit mit einem starken Anstieg der Inflation. Ausgelöst von gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreisen wirken sich diese nun auch auf die anderen Sektoren aus und führen zu einem Anstieg der Kerninflation. Um der importierten Inflation entgegenzuwirken, könnte es zu einer weiteren Aufwertung der lokalen Währungen kommen.

Anhaltende Verunsicherung an den Aktienmärkten

Die Folgen der Krise an den Kreditmärkten sind immer noch schwer abzuschätzen, und die Unsicherheit über die Höhe der Gewinnrevisionen - vor allem im Finanzsektor - sorgt für große Verunsicherung und hohe Volatilität an den Aktienmärkten. Trotz kontinuierlicher Abwärtsrevisionen in den letzten Monaten scheinen die Konsensschätzungen für die Unternehmensgewinne nach wie vor zu hoch.

Die jüngsten Prognosen für das Gewinnwachstum in den USA liegen bei beachtlichen 14,4% und könnten daher für Enttäuschungen sorgen. Trotz der fundamental tiefen Bewertung bleiben wir vorerst noch konservativ aufgestellt und gewichten Aktien leicht unter. Da Investoren eine Erholung der Wirtschaft in der Regel etwa 6 Monate antizipieren, rechnen wir erst ab der Jahresmitte 2008 wieder mit einer spürbaren Erholung der Aktienmärkte.

Regional haben wir die Struktur unserer Portfolios wenig verändert. Wir bevorzugen weiterhin Asien und die globalen Schwellenmärkte. Sobald mehr Klarheit über die Wachstumsaussichten in den USA herrscht, werden die asiatischen Märkte wieder eine Outperformance erzielen. Nordafrika und der Nahe Osten konnten sich im 1. Quartal von den globalen Aktienmärkten gut abkoppeln und werden auch weiterhin von den hohen Rohstoffpreisen profitieren. Für die mittel- und osteuropäischen Länder spricht vor allem die geringe Abhängigkeit von der US-Konjunktur.

Da sich die Belastungen durch die Neubewertung finanzieller Risiken vorwiegend auf Europa und die USA konzentrieren, halten wir beide Regionen im Vergleich zum MSCI World untergewichtet. Die unterschiedlichen Haltungen der US-Notenbank und der EZB haben uns veranlasst, die neutrale Gewichtung in Europa zu Gunsten der USA aufzuheben, wo wir die bestehende Untergewichtung damit aber nur reduzierten. Unsere starke Untergewichtung in Japan spiegelt die verschlechterten Rahmenbedingungen für die Konjunktur in dieser Region wider.

Den hohen Anteil an alternativen Anlagen und Rohstoffen halten wir weiterhin für angemessen. Die Unsicherheit bezüglich Inflation und wirtschaftlichem Ausblick wird die Flucht in Rohstoffe auch im kommenden Quartal begünstigen.

Das große Interesse der Investoren erhöht aber auch die Anfälligkeit für eine Korrektur bei einer Beruhigung der Finanzkrise. Mittelfristig werden die Preise wieder stärker durch die positiven Fundamentaldaten bestimmt. Preisstützend wirkt die ungebrochene Nachfrage aus den Schwellenländern, die zunehmend für eine Einengung des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage sorgt. Trotz der starken Kursanstiege bei den meisten Rohstoffen befinden wir uns historisch noch nicht auf einem hohen Niveau.

Anleihen

Auch wenn der Schaden durch den Eingriff der FED gering gehalten wurde, zeigte der Crash von Bear Stearns deutlich, dass die Ängste des Marktes vor einem Zahlungsausfall einer Bank nicht unbegründet waren. Die Aufschläge, welche die Banken für Liquidität zahlen müssen, waren und sind alles andere als eine risikolose Zusatzrendite. Die Spannung liegt in den kommenden Monaten besonders darin, ob auch in Europa eine große Bank in Liquiditätsprobleme kommt, und wie die EZB in diesem Fall reagiert.

Die unterschiedlichen Ansätze der Zentralbanken und deren Auswirkungen auf die Krise werden auch in den nächsten Monaten im Blickpunkt stehen. Dabei ist durchaus Kreativität zu beobachten, wie dem Markt Liquidität zur Verfügung gestellt wird. Einige dieser neuen Maßnahmen werden sich erst beweisen müssen, und die sehr positiven Reaktionen des Marktes waren wahrscheinlich teilweise verfrüht. Die Aktivität und das rasche Senken des Zinssatzes durch die FED stehen aber in deutlichem Gegensatz zur Politik der EZB. Letztlich wird weniger die Frage diskutiert werden, welche Zentralbank in der Krise besser reagiert hat, als jene, welche Auswirkungen die Unterschiede in den Reaktionen mit sich gebracht haben. Die sich vergrößernde Zinsdifferenz bringt den EUR/USD-Kurs - und damit die Exportwirtschaft in der Eurozone - unter Druck. Die dadurch entstehenden Spannungen und Meinungsunterschiede zwischen den Mitgliedsländern können die inflationszentrierte Politik der EZB in Frage stellen (auch wenn viele Kommentare populistischer Natur sein werden) und dadurch die langlaufenden Staatsanleihen unter Druck bringen.

Wir halten allerdings ein anderes Szenario für wahrscheinlicher: Eine Mäßigung der Inflationsrate im Laufe des 2. Quartals sollte für die EZB den Handlungsspielraum für ein bis zwei Zinssenkungen bis Herbst freigeben. In der Zwischenzeit wird mit verbilligtem Geld die Liquidität der Banken so gut wie möglich unterstützt, und für in Not geratene Banken werden möglichst neue Eigenkapitalgeber gesucht. Die Korrektur der Renten nach Ostern hat die Zinskurve auf ein sehr faires Niveau gehoben, und die Aussicht auf neue Hiobsbotschaften betreffend Abschreibungen bei Banken lassen auf eine durchaus positive Entwicklung bei den Renten hoffen.

Was ist eine Rezession?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion, ob es in den USA zu einer Rezession kommt oder nicht, erscheint es angebracht, den Begriff der Rezession näher zu beleuchten.

Nach einer verbreiteten Definition befindet sich eine Volkswirtschaft dann in einer Rezession, wenn die Wachstumsrate im Vergleich zum Vorquartal in zwei aufeinanderfolgenden Perioden negativ ist. Diese Definition dürfte aber die tatsächliche Wirtschaftslage nicht voll erfassen. Entwickelt sich das Bruttoinlandsprodukt in einem Quartal beispielsweise stärker rückläufig als es im nächsten ansteigt, durchläuft die Volkswirtschaft eine Phase der wirtschaftlichen Kontraktion, ohne die oben genannten Kriterien einer Rezession zu erfüllen.

Grafik: Reales BIP-Wachstum USA in %

Das National Bureau of Economic Research (NBER) definiert den Begriff Rezession umfassender. Nicht allein das Wachstum ist entscheidend, sondern zusätzlich eine Reihe weiterer Konjunkturdaten wie vor allem die Beschäftigung, das Realeinkommen, die Industrieproduktion und die Umsätze im Großhandel. Unterschiede in der Beurteilung der Rezessionswahrscheinlichkeit in den USA können daher auch Ausdruck unterschiedlicher Abgrenzungen sein. Die Indizien für das Abgleiten der US-Wirtschaft in eine Rezession nehmen zu. Doch während sich der Arbeitsmarkt und die Einkommen bereits deutlich abschwächen, zeigt sich das verarbeitende Gewerbe nach wie vor zu robust, um eine Rezession im Sinne des NBER zu signalisieren.

Rezession oder nicht - erst einen Monat nach Quartalsende gibt das Bureau of Economic Analysis das Bruttoinlandsprodukt bekannt, und auch das NBER legt die konjunkturellen Wendepunkte für die US-Wirtschaft im Nachhinein fest. Viel zu spät, um an den Finanzmärkten eine Rolle zu spielen. Finanzteilnehmer konzentrieren sich auf die zukünftige Entwicklung, und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Daten für das erste Halbjahr sind die Volkswirte möglicherweise bereits wieder zunehmend optimistisch eingestellt.

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